Wenn wir zu den Heimspielen von Hertha BSC ins Olympiastadion gehen, bemerken die meisten von uns nicht, dass wir über das Reichssportfeld gehen, das anlässlich der Olmpischen Spiele 1936 errichtet worden ist. Sie haben es eilig, müssen sich noch einem Sicherheits-Check unterziehen etc.
Jetzt hat der ehemalige Senator für Stadtentwicklung in Berlin (1996-2004), Peter Strieder (SPD), einen bemerkenswerten Aufsatz geschrieben (Die Zeit 14.5.20), in dem er die Beseitigung der dort immer noch vorhandenen Nazi-Skulpuren verlangt. Strieder, 67, übt auch Selbstkritik.
Rund um das Olympiastsdion finden wir Skulpturen von Josef Thorak („Boxer“), Arno Breker („Zehnkämpfer“, „Siegerin“) und Josef Wackerle („Rosseführer“). Das Reichssportfeld steht so, wie es 1936 errichtet wurde, heute unter Denkmalschutz. In den Fünfzigerjahren wurden Hakenkreuze, Hitlerbüsten und Hoheitszeichen des Dritten Reichs entfernt. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung auch mit dem baulichen Nazi-Erbe wurde versäumt.
Und so treffen wir dort an: das Maifeld, das Sportforum, das Haus des deutschen Sports, Friesenhof und Friesenstraße, den Glockenturm und die Langemarckhalle. In der Schlacht von Langemarck, als der Erste Weltkrieg schon verloren war, zogen „junge Regimenter“, unzureichend ausgebildet und ausgerüstet sinnlos in den Tod.
Friesenhof und Friesenstraße verweisen auf Friedrich Friesen, einen nationalistischen Eiferer, der zusammen mit „Turnvater“ Jahn die „Leibeserziehung“ zu einem Programm der „sittlich-nationalen Erneuerung“ machte. Heute preist die
AfD
Sachsen-Anhalt ihn: „Gerade in unseren Tagen, da sich Deutschland einer neuzeitlichen Völkerwanderung ausgesetzt und von seinen Funktionseliten übergangen sieht, kann Friedrich Friesen dem deutschen Volk als Vorbild dienen. In seiner Person vereinen sich freiheitliches Sehnen, patriotischer Geist und unverrückbarer Kampfesmut – es handelt sich um jene Tugenden, welche sich das deutsche Volk selbst in seinen dunkelsten Stunden zu bewahren vermochte.“
Wir erinnern uns, dass das Kriegsverbrechergefängnis in Spandau nach dem Selbstmord von Rudolf Heß 1987 dem Erdboden gleichgemacht wurde, um zu verhindern, dass jemand auf die Idee käme, den Ort zu heroisieren.
Peter Strieder selbstkritisch: „Wir hätten uns nicht auf das Stadion beschränken dürfen. Wir haben nicht berücksichtigt, dass das Stadion Teil des Olympiageländes ist und mit dem Olympiagelände auch das faschistische Erbe unter Denkmalschutz gestellt wurde.“ In Zeiten, in denen wieder von „Umvolkung“ gesprochen wird, vom „Denkmal der Schande“ und vom „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte, sind die Nazi-Skulturen am Olympiastadion nicht mehr tragbar.
„Die Skulpturen, Wandgemälde, Reliefs müssen weg. Das Maifeld samt Führertribüne sollte abgeräumt und nutzbar gemacht werden für neue Sportfelder, Trainingsplätze, Spielwiesen. Alle Namen der Gebäude und Straßen und Trainingsplätze aus der Zeit der Nazis gehören revidiert, künftig sollten sie beispielsweise nach Opfern der jüngsten rechtsterroristischen Gewalttaten benannt werden.“