Ijoma Mangold hat am besten beschrieben (Die Zeit 29.4.20), wie die Weltanschauung des kamerunischen Gesellschaftswissenschaftlers Achille Mbembe zu fassen ist. Mbembe sagt:
1. Die Neuzeit beginnt nicht um 1500, wie das europäische Bildungsbürgertum (also: wir) behauptet, mit Renaissance, Humanismus und Reformation, sondern mit der Erfindung des
Rassismus.
2. Die Erklärung der Menschenrechte 1776 und die Sklavenwirtschaft sind Teil derselben historischen Bewegung.
3. Kapitalismus ist nicht anderes als Rassismus.
4. Der Sklavenhandel ist „das Taufbecken unserer Moderne“.
5. Alle Opfer sind „Neger“.
6. Mit Jean-Francois Lyotards „Das postmoderne Wissen“ nehmen wir Abschied von den großen Erzählungen Georg Wilhelm Friedrich Hegels und Karl Marx. Achille Mbembe beginnt eine neue große Erzählung.
7. Sklaverei ist Kolonialismus, Kolonialismus ist Apartheid, und Apartheid ist nicht zu unterscheiden von Neoliberalismus und Demokratie.
8. Apartheid wird verwirklicht mit Israel und seinem Besatzungsregime.
9. Die Besetzung Palästinas ist der „größte moralische Skandal unserer Zeit“.
10.Die höchste Form des „Negers“ waren die Juden als Opfer des Holocaust. Dann sind die Israelis als Grenzzieher keine Juden mehr, sondern Weiße.
Kurzkommentar W.S.:
1. Der Beginn der Neuzeit (um 1500) war die Rückbesinnung auf die große griechische Philosophie, die römische Staatskunst und die Befreiung der Künste (Leonardo da Vinci, Michelangelo et alii) aus den Fängen des Vorurteils.
2. Mit der Reformation kam die Befreiung des theologischen Denkens und Handelns dazu.
3. Kopernikus schuf für uns ein neues Weltbild.
4. Tatsächlich traten zur gleichen Zeit Kolonialismus und Rassismus auf den Plan.
5. Die Menschenrechte (seit 1776) unterscheiden die fortschrittlichen Gesellschaften von den autoritären.
6. Der reale Sozialismus schuf den Stalinismus und den Maoismus. Diese hindern heute noch Russland und China an einer Öffnung zu den Menschenrechten.
7. Die Apartheid ist das Produkt des burischen (also westlichen) Rassismus, einer menschenverachtenden Ideologie.
8. Die problematische Staatsgründung Israels 1948 beruhte auf der jahrtausendealten Verfolgung der Juden und den Versuchen ihrer Vernichtung.
9. Bezahlen mussten und müssen dafür die Palästinenser. Das ist höchst ungerecht.
10. Insofern ist es angebracht, auf eine Stimme wie die von Achille Mbembe zu hören, auch wenn sie nicht in jedem Punkt die Wahrheit trifft, weil sie uns menschlicher (vgl. hier Nr. 2841) und toleranter macht und weniger Gewalt verspricht.