2823: Thomas Mann – Ziel völkischer Hetze

Der Bamberger Literaturwissenschaftler Friedhelm Marx (FAZ 25.4.20) arbeitet zur Zeit an den Essays von Thomas Mann aus den Jahren 1926 bis 1933. Darin plädierte Mann für eine Annäherung an die Nachbarländer Polen und Frankreich, für eine innereuropäische Verständigung und gegen Zensur. Also ganz anders als noch in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918). Und damit zog er den Hass und die Hetze völkischer und rechtspopulistischer Kommentatoren auf sich.

So schrieb Friedrich Georg Jünger, den die meisten von uns heute nur noch als Bruder Ernst Jüngers kennen, in seiner Rezension des „Zauberbergs“ (1924) („Der entzauberte Berg“): „Ach, erlebten wir bald den Tag, an dem eine junge, kühne Mannschaft sich gegen den Zauberberg hinaufbewegt, mit Holzfälleräxten, die einen langen Stiel und eine breite Scheide haben, und mit diesen prachtvollen Äxten den ganzen Zauberberg in Scherben und Trümmer schlägt.“ Die junge Mannschaft mit den prachtvollen Äxten stand offenbar schon bereit.

Der „Völkische Beobachter“ schrieb zu einem Vortrag Manns mit dem Titel „Die Stellung Freuds in der modernen Geistesgeschichte“, den er am 16. Mai 1929 im Auditorium Maximum der Münchener Universität gehalten hatte: „Wir danken dem Vielschreiber – und in diesem Fall dem ’schöngeistigen‘ Schwätzer – für sein eigentümliches Bekenntnis. Thomas Mann wäre es wahrscheinlich lieber, wenn die deutsche Jugend der ’neuen Lebenserkenntnis‘ eines Sigi Freud anhängen würde, der bekanntlich in der Erotik den Born aller Kräfte und Taten sieht. Da müssen wir schon antworten: Gott sei Dank gibt es noch eine deutsche Jugend, die nicht hinter senilem Marasmus, hinter Sexualsymbolikern und sogenannten ‚Psychoanalytikern‘ dreinrennt, – Gott sei Dank gibt es eine deutsche Jugend, welche Erotiker wie Sigmund Freud, den jüdischen Literaten Arnold Zweig und den ‚deutschen‘ Dichter Thomas Mann auf den Index setzen: ’nicht zimmerrein!'“

1929 hat Thomas Mann den Literatur-Nobelpreis erhalten.

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