1. Heute finden Sie Hannah Arendt (1906-1975) bei Youtube auf „ArendtKanal“.
2. Als ich studiert habe (1968-1972), kam in einem sozialwissenschaftlichen Studium Arendt kaum vor. Sie stand in dem Ruf, die Totalitarismus-Theorie („Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ 1951/1955) mit begründet zu haben und insofern für die Gleichsetzung von Faschismus und Stalinismus verantwortlich zu sein. Das war reiner Schwachsinn, aber der ist auch heute noch in der Wissenschaft weit verbreitet.
3. Als Beobachterin des Eichmann-Prozesses („Eichmann in Jerusalem“ 1964) hat Arendt scharfsinnig die These von der „Banalität des Bösen“ herausgearbeitet, weshalb sie massenhaft politisch und publizistisch bekämpft wurde. Die These besagt sehr klar, dass der Faschismus die ganze Gesellschaft ergriffen hatte, er war banal. Unsere Eltern und Lehrer waren Nazis. Das wollte „man“ nicht gerne hören.
4. In dem berüchtigten Interview mit Günter Gaus im deutschen Fernsehen (1964), das übrigens die journalistische Klasse von Gaus belegt, erklärte Arendt zum Feminismus: „Ich habe einfach gemacht, was ich machen wollte, und ich habe mir nie überlegt, dass das gewöhnlich Männer machen, und jetzt macht das eine Frau.“ Das hat Hannah Arendt den Hass der vielen Spielarten des Feminismus eingetragen.
5. Ihren persönlichen Antrag auf Wiedergutmachung zur Anerkennung ihrer Habilitation („Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“, 1931/1938) hat Arendt 1971 beim Bundesverfassungsgericht durchgesetzt.
6. Hannah Arendts Tätigkeit für die „Jewish Cultural Reconstruction“ in der US-Zone (1951-1953) führt in „einer direkten Linie zur aktuellen Provenienzforschung“ (Raphael Gross).
7. Die große Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin über „Hannah Arendt und das 20 Jahrhundert“ konnte wegen der Corona-Krise noch nicht eröffnet werden. Ich kenne den entsprechenden Ausstellungsband. Er bringt die Arendt-Forschung auf den letzten Stand.
8. Hannah Arendts von Immanuel Kant abgeleitete „Urteilskraft“ ist also vorerst nur digital zu besichtigen.
(Hannah Bethke, FAZ 4.4.20)