Die Grünen sind so erfolgreich beim Wähler (24 Prozent bei der Sonntagsfrage) und ihre Führung macht anscheinend so wenig Fehler, dass mancher, der ihnen am Zeuge flicken will, sich auf Nebenkriegsschauplätze begibt, um sie dort zu bekämpfen. Etwa die Äußerungen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried
Kretschmann zur Rechtschreibung.
Der Deutschen Presse-Agentur hat er gesagt: „Aber die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir ja heute nur noch selten handschriftlich schreiben.“ Es gebe ja „kluge Geräte“, um Grammatik und Fehler zu korrigieren. Insgesamt glaube er nicht, „dass Rechtschreibung jetzt zu den großen gravierenden Problemen der Bildungspolitik gehört“. Dabei denkt mancher gewiss daran, dass Kretschmann Lehrer für Biologie und Chemie war. „Ein einfacher Naturwissenschaftler“, wie einige meinen. FAMU in der „Süddeutschen Zeitung“ (25./26.1.20) nimmt das Ganze gelassen.
Anders Jacques Schuster in der „Welt“ (25.1.20). Für ihn ist Kretschmanns Argumentation „abenteuerlich“. Nähme man sie ernst, brauchte kein Schüler mehr rechnen oder Fremdsprachen zu lernen, Romane zu lesen oder unsere Geschichte zu kennen. „Es gibt doch Wikipedia“.
„Schulfach für Schulfach ließe sich auf diese Weise umkrempeln. Am Ende verließen nicht Schüler die Schule, sondern Trottel. … Trotzdem ist Kretschmanns Gedanke zu bedrohlich, um sich darüber lustig zu machen. Er steht für die breite Neigung der Politik, die Digitalisierung in der Schule zum Allheilmittel zu erklären und mehr über die Anschaffung von Laptops zu reden als über die Inhalte, die mit ihrer Hilfe vermittelt werden sollten.
Soziale Tugenden und grundlegende Kulturtechniken wie Texterschließung, Rechtschreibung und logisches Verständnis bleiben die Voraussetzung für den Bildungserfolg. Mehr als das: Sie sind die Grundlage für die Persönlichkeitsbildung und Urteilsfähigkeit und damit die Voraussetzung dafür, dass der Mensch auch in Zukunft den Computer beherrscht und nicht der Computer den Menschen.“
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