In der SZ (11./12.1.20) interviewt Jan Bielicki den Berliner Politologen Wolfgang Merkel anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Grünen (Bündnis 90/Grüne).
SZ: Von der „Anti-Parteien-Partei“ zur Volkspartei in 40 Jahren …
Merkel: Die Grünen sind eine junge Partei, ich meine auch, dass sie regierungsfähig sind. Aber sie sind keine Volkspartei. Eine Volkspartei muss in der Lage sein, quer durch alle sozialen Schichten und sozial-moralischen Milieus Wählerinnen und Wähler anzuziehen. Das tun die Grünen nicht. Sie sind in der unteren Hälfte der Gesellschaft nur ganz wenig präsent. Aber die große Zeit der Volksparteien ist so und so vorbei, und es wäre anachronistisch, wenn die Grünen etwas sein wollten, was sich historisch überholt hat.
SZ: Aus den Underdogs von einst ist eine Partei der Besserverdienenden geworden?
Merkel: Nicht nur der Besserverdienenden, sondern mehr noch der Bessergebildeten. Sie ist die Partei der gebildeten, höheren Mittelschichten, urban, wenn nicht gar metropolitan und in der jüngeren Bevölkerung sehr präsent. Dass sie aus einer politisch und kulturell vielschichtigen Bewegung entstanden ist, das hat heute keine Bedeutung mehr. Die Sozialdemokratie ist auch aus revolutionären Kräften hervorgegangen und hat sich schon in der Weimarer Republik als regierungsfähig erwiesen. Und so sind auch die Grünen zu einer Partei wie alle anderen geworden, wenn auch mit jüngerem Image.
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SZ: Wäre ein grüner Kanzler für die Leute wählbar?
Merkel: Mit Sicherheit. Das Problematische einer Mitte-Links-Koalition wäre für eine Mehrheit der Bevölkerung nicht die Grünen, sondern die Linken.
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