Manchmal ist bei uns noch die Rede vom „christlichen Abendland“. Ich bin mir darüber klar, dass dieser Begriff häufig ironisch verwandt wird. Viele Menschen bei uns lehnen die Kirche gerade ab und machen sie für viele Fehlentwicklungen verantwortlich. Eine Gegenbewegung hat aber immer noch einen Bezug zur Kirche, wenn auch manchmal wenig Kenntnisse. Diese hat der Historiker und Archäologe Martin Kroker (Die Zeit 18.12.19). Er ist Leiter des LWL-Museums in der Kaiserpfalz in Paderborn. Wir bewegen uns mit seinem Text in einer Zeit, in der die Frage, ob das Christentum zu Europa gehöre, nicht abwegig schien (von Christi Geburt bis ins 15. Jahrhundert). Klar sind wir uns darüber, dass die Verbreitung des Christentums kein friedvoller pazifistischer Akt war, sondern mit Krieg, Mord und Totschlag geschah.
1. Im Matthäus-Evangelium steht: „Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.“ Das unterscheidet das Christentum von anderen Religionen.
2. Christen verbreiteten sich im Imperium Romanum. Gleichzeitig wanderten das Judentum und der Islam aus dem Nahen Osten nach Europa.
3. Die Ursprungsorte des Christentums, Jerusalem, Galiläa und die Gegenden, in denen die Apostel missionierten, gehörten zur Zeit Jesu zum Römischen Reich. Dort gab es zunächst brutale Christenverfolgungen.
4. Kaiser Konstantin besiegte seinen Mitkaiser Maxentius 312 an der Milvischen Brücke in Rom. Vor der Schlacht soll ihm ein Kreuz erschienen sein. Konstantin machte die Kirche künftig zur Klammer zwischen dem Imperium und dem Kreuz.
5. Kaiser Theodosius I. erklärte 380 die Dreifaltigkeit aus Gottvater, Sohn und Heiligem Geist als verbindlich und wirkte damit gegen die Religionsfreiheit.
6. Um 500 herum drangen germanische Eroberer ins Römische Reich ein. Sie waren Bewunderer des römischen Reichtums und der römischen Kultur. Der griechische Theologe Wulfilas wurde zum „Bischof der Christen bei den Goten“ ernannt. Er übersetzte die Bibel ins Griechische. Ein Großteil der Westgoten, Ostgoten, Vandalen und Langobarden trat zum Christentum über.
7. Um 500 nahm der Frankenkönig Chlodwig den römisch-katholischen Glauben an. 496 schlug er die Alemannen in der Schlacht bei Zülpich.
8. Eine besonders erfolgreiche Rolle in der Christianisierung nimmt Irland ein. Es beginnt damit bei den Angeln, Sachsen und Jüten in England.
9. Um 600 lässt sich König Ethelberht taufen. Die Christianisierung geht in Friesland weiter.
10. 730 lässt Wynfred (Bonifatius) im nordhessischen Fritzlar die Donareiche fällen, um die Ohnmacht der heidnischen Opfer zu beweisen. Er wird 755 in Friesland erschlagen und gilt danach als Märtyrer.
11. Nach dem Tod Mohammeds 632 breitet sich der Islam nach Spanien aus. 711 überqueren islamische Berber die Meerenge von Gibraltar.
12. 732 plündert ein arabisches Heer Bordeaux. Es wird bei Poitiers von dem Frankenherzog Karl Martell geschlagen. Die Franken drängen die Araber über die Pyrenäen zurück.
13. Karl der Große, der Enkel Karl Martells, lässt sich 800 in Rom zum Kaiser krönen. Er besiegt und christianisiert die Sachsen.
14. Diese stellen bald darauf eine große Zahl von Kaisern des heiligen Römischen Reichs deutscher Nation (Heinrich, Otto et alii).
15. Im 13. und 14. Jahrhundert wird das Baltikum christianisiert. Am Ende des 15. Jahrhunderts wird in der Reconquista die Iberische Halbinsel rechristianisiert.
Es war ein langer Weg voller Zufälle und Rückschläge.