2594: Wer wird kriminell ?

Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe. Er arbeitet vor allem als forensischer Gerichtsgutachter. Zum Erscheinen seines neuen Buchs

„Das Böse – Die Psychologie der menschlichen Destruktivität“ (Ecowin), 227 S., 24 Euro,

hat Wiebke Hollersen ihn für „Die Welt“ (26.10.19) interviewt. Vorher halten wir hier einige grundlegende Erkenntnisse fest: 1. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind inzwischen zwei Drittel der Gewaltdelikte Beziehungstaten. 2. In der Regel gibt es ein Ursachenbündel. 3. Mitentscheidend ist die „kindliche Prägung“. 4. Tatsächlich treten häufig die „böse Mutter“ und der „abwesende Vater“ auf. 5. Das Risiko, dass man selbst einmal Täter wird, ist wesentlich höher, wenn man einmal Opfer gewesen ist. 6. Etwa 20 Prozent der Menschen, die einmal Tötungsverbrechen begehen, sind psychisch krank. 7. In wenigen Fällen spielen Alkohol- und Drogeneinfluss eine entscheidende Rolle.

Welt: Wenn wir von einem schweren Verbrechen hören, sagen wir: Der Täter muss gestört sein. Wer so etwas tut, kann nicht normal im Kopf sein.

Haller: Das ist aber ein Fehlschluss. Es können auch ganz normale Gehirne schwere, abnorme Taten hervorbringen. Denken Sie an den Terroranschlag vom 11. September 2001, eines der abnormsten Verbrechen der jüngeren Geschichte, aber die Täter waren offensichtlich erschreckend normal. …

Welt: Sie verweisen oft auf einen Faktor, der in der Kriminologie noch nicht richtig erforscht ist: die Macht der Kränkung.

Haller: Ich halte das für ein Phänomen, das man in der Psychologie völlig unterschätzt hat. Es fängt damit an, dass es keine Diagnose gibt, keine wissenschaftlich anerkannte Definition. Man hält es für eine Kleinigkeit. Aber im Leben spielt es eine enorme Rolle, weil jeder Mensch seine Kränkungen hat, weil wir alle gekränkt sind, aber auch andere kränken. Es wird tabuisiert, gilt als nicht der Rede wert. Das ist für mich das Wesen der Kränkung: Dass es objektiv gesehen eine Kleinigkeit ist, subjektiv aber die Welt bedeuten kann.

Welt: Und man traut sich nicht, darüber zu sprechen.

Haller: Darauf gedeihen Kränkungen. Auf Verdrängung, Tabuisierung. Die Menschen wollen sich nicht lächerlich machen. Wegen so einer Kleinigkeit schläft der Mann nicht! Kränkungen spielen bei vielen, vielen Tötungsdelikten eine enorme Rolle. Bei

Schulamokläufen

ist der einzige Befund, den es bei allen 350 Fällen weltweit gab, dass es vorher zu einer Kränkung gekommen war.

Welt: Das Böse geht aus dem Bösen hervor, haben Sie geschrieben. Lässt sich dieser Kreislauf nicht durchbrechen?

Haller: Ich fürchte nicht. Wo es Licht gibt, muss es auch Schatten geben. Die Philosophen sagen, wenn der menschliche Wille wirklich frei ist, dann muss er sich auch zum Bösen entscheiden können. Die Aggressionsforscher sagen, das Böse ist letztlich eine Vitalkraft. Das Böse wandelt nur sein Gesicht. Die Verbrechen werden inzwischen auch digitalisiert. Mir ist es lieber, wenn jemand seine Aggressionen auf diese Weise auslebt.

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