2491: Hat uns Adorno 1967 bereits die AfD erklärt ?

Theodor Wiesengrund Adorno (1903-1969) wird neuerdings außerordentlich dafür gelobt, dass er uns in einem Vortrag an der Universität Wien 1967 bereits den aktuellen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus erklärt habe, als er dort über die NPD sprach (die bald in mehrere deutsche Landtage einzog). Das geschieht bei Jens-Christian Rabe (SZ 20./21.7.19), Thomas Assheuer (Die Zeit 25.7.19), sogar noch bei Helmut Mayer (FAZ 27.7.19) und beinahe auch noch bei Claudius Seidl (FAS 28.7.19). Der aber erhebt Einwände. Ich stelle die Auffassungen hier punktweise dar:

1. Nach Adorno 1967 bestehen die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus unverändert fort in Form der „Konzentrationstendenzen des Kapitals“.

2. Es drohte demnach seinerzeit (wie heute) das „Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit“.

3. Es sei doch so, dass Überzeugungen und Ideologien, die eigentlich schon anhand der Gegebenheiten nicht mehr zu rechtfertigen seien, gerade in Krisenzeiten ihre Zerstörungskraft entfalteten.

4. Rechtsextremismus markiere die Wundmale und „Narben einer Demokratie“.

5. Ohne das Besteck der Sozialpsychologie (Erich Fromm, Leo Löwenthal) sei der Rechtsextremismus nicht zu erklären.

6. 1967 werde der real existierende Sozialismus (Kommunismus) noch als Bedrohung empfunden.

7. „Das propagandistische Gebrüll, und hier klingt Adorno wie der Psychoanalytiker Jacques Lacan, ersetzt das verlorene Objekt des rechtsradikalen Begehrens. Propaganda ist fortan die Sache selbst.“ (Assheuer)

8. „Adorno glaubt nicht, dass man mit Rechten reden und diese zur Umkehr bewegen kann.“ (Assheuer)

9. „Keinen Zweifel lässt Adorno daran, dass sich hinter dem rechten Affekt gegen Linksintellektuelle etwas Uraltes verbirgt: der Hass auf die Juden und der Hass auf den Geist.“ (Assheuer)

10. „Nazis, das sind die, die den schrecklichsten aller Kriege und den grausamsten Völkermord der Geschichte zu verantworten haben.“ (Seidl)

11. „Dass sie einen Weltkrieg anzetteln und Millionen Menschen ermorden wollen, ist den Leuten vom Flügel (i.e. Björn Höcke, W.S.) nicht nachzuweisen.“ (Seidl)

12. Adorno behauptet, dass es eher nicht materielle, sondern psychologische Gründe sind, welche die Menschen empfänglich machen für Rechtsextremismus, nicht der Abstieg, sondern die Angst davor. Etc.

13. Für Björn Höcke hat sich die „Ethnogenese“ des deutschen Volkes zwischen 800 und 1200 vollzogen.

14. Bei Björn Höcke: „Es gibt da eine Rhetorik des Verdachts gegen alles, was Massenmedien und Unterhaltungsindustrie anbieten.“ (Seidl)

15. „In einem entscheidenden Punkt nämlich trifft Adornos Vortrag die heutigen Verhältnisse überhaupt nicht: Wo Adorno die Furcht vor dem Sozialismus als Triebkraft der Rechten sah, sammelt Höcke die Trauer und die Nostalgie all jener ein, die nicht die Mängel des Sozialismus wiederhaben wollen. Aber eben doch so eine Art DDR, in der die Deutschen unter sich sind und gut versorgt und beschützt, und ab und zu darf ein Ausländer durchs Bild laufen, damit Deutsche sich ihres Deutschseins wieder umso bewusster werden.“ (Seidl)

 

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.