Die damalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), betonte im Mai 2017 die große, durch nichts zu ersetzende Bedeutung von Sprache. Vorher hatte sie die Gültigkeit einer deutschen „Leitkultur“ bestritten. „Kein Wunder, denn eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Das gefällt Jens Bisky, dem Journalisten der SZ, der wohl immer noch nicht ganz den Verlust der DDR verarbeitet hat, in der sein Vater, Lothar Bisky, am Ende PDS-Vorsitzender war.
Jens Bisky meint, dass die Deutschen in Rendsburg und München, in Köln und Cottbus, Weimar, Bochum, Berlin weder eine gemeinsame Religion noch eine einheitliche Lebensweise verbinde. Selbst die Würste seien verschieden. Dieser Meinung muss man nicht zustimmen, aber Alexander Gauland, der AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, hatte Frau Özuguz ganz anders gesehen als Jens Bisky: „Ladet sie mal ins Eichsfeld ein, und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie danach auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“
„Entsorgen“, ja, das ist die Sprache der AfD.
Ihr widmet sich in seinem schmalen Buch
„Was heißt hier ‚wir‘? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten“. Stuttgart (Reclam), 60 Seiten, 6 Euro,
der Göttinger Germanist Heinrich Detering, der wissenschaftliche Bücher über Goethe, Nietzsche, Thomas Mann, Bob Dylan, Wilhelm Raabe, Theodor Storm veröffentlicht hat. Er analysiert die Sprache von Gauland, Beatrix von Storch, Alice Weidel und Björn Höcke und verliert dabei seine Frage, welches ‚wir‘ sie voraussetzen, nie aus dem Auge. Unfreiwillig komisch erscheint ihm, wie Alexander Gauland am 21. März 2018 im Bundestag sein „wir“ erklärte. „Das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes umfasst natürlich auch das Recht zu bestimmen, mit wem ich zusammenleben will und wen ich in meine Gemeinschaft aufnehme. Es gibt keine Pflicht zur Vielfalt und Buntheit. Es gibt auch keine Pflicht, meinen Staatsraum mit fremden Menschen zu teilen.“
Ja, Alexander Gauland (der mit dem „Vogelschiss“, der nicht neben Boateng leben wollte) sprach von „meinem Staatsraum“.
Das kontert Heinrich Detering mit einem Zitat aus Thomas Manns Brief an die Bonner Universität 1936, als diese Mann die Ehrendoktorwürde entzogen hatte: „Das Reich, Deutschland, soll ich beschimpft haben, indem ich mich gegen sie bekannte! Sie haben die unglaubwürdige Kühnheit, sich mit Deutschland zu verwechseln!“
(Jens Bisky, SZ 28.6.19)