Es gehört zum Geschäft demokratischer Politiker, sich beim Wähler beliebt zu machen und vor Wahlen ggf. einmal das Profil zu schärfen. So auch beim thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Die Linke), der auf diesem Gebiet besonders rührig ist. Am 27. Oktober 2019 sind dort Landtagswahlen. Nun hat Ramelow vorgeschlagen, dass Deutschland eine neue Nationalhymne bekommen solle. Hauptsächlich verweist er zur Begründung auf die geringe Akzeptanz der gegenwärtigen Hymne unter den Ostdeutschen. Ja, unsere Ossis, die sind manchmal schon das Problem. Sie kannten seit 1949 als Hymne der DDR „Auferstanden aus Ruinen“ (Text: Johannes R. Becher, Musik: Hanns Eisler), von der von 1972 bis 1990 nur noch die Melodie gespielt wurde.
Ramelow schlägt als Alternative die wiederum von Hanns Eisler komponierte „Kinderhymne“ („Anmut sparet nicht noch Mühe“) vor, die Bertolt Brecht bewusst als Gegenentwurf zum „Lied der Deutschen“ gedichtet hatte. Deswegen handelt es sich dabei auch um einen sehr respektablen Text, der frei ist von Nationalismus und Großmacht-Ideologie. Dass ich dieses Lied durchaus schätze, sehen Sie daran, dass ich die „Kinderhymne“ am Ende meines letzten Buchs freundlich zitiere (W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2009, S. 194).
Trotzdem bin ich gegen eine neue Nationalhymne. Gerade weil das „Lied der Deutschen“ inzwischen weithin akzeptiert ist und mittlerweile sogar gerne mitgesungen wird (etwa von Sportlern).
Das „Lied der Deutschen“ ist geradezu die Hymne der deutschen Einheit.
Die finde ich großartig. Heinrich Hoffmann von Fallersleben hatte das Lied 1841 auf Helgoland gedichtet. Gespielt wird es nach der Melodie von Josef Haydn. 1922 hatte Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) das Stück zur Nationalhymne gemacht. Sie wurde allerdings auch von den Nazis verwandt, häufig im Zusammenhang mit dem „Horst-Wessel-Lied“. Nach 1945, genauer 1952, war es Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), der in einem Briefwechsel mit Bundespräsident Theodor Heuß (FDP) die dritte Strophe zur Hymne machte. Diese dritte Strophe („Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“) wurde 1991 in einem Briefwechsel zwischen Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) und Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) offiziell zur „Nationalhymne“ gekürt.
Halten wir aus Tradition und Freude über die deutsche Einheit getrost daran fest.