2312: H. A. Winkler: Zur Geschichte der SPD

Gegenwärtig wird viel darüber nachgedacht, wie es zu der Misere kommen konnte, in der sich die SPD befindet. Matthias Geis und Bernd Ulrich (Die Zeit, 14.2.19) hatten den Hang der SPD zur Anpassung an die herrschenden Verhältnisse genannt. Und die Bewilligung der Kriegskredite 1914 sowie die Niederschlagung der Revolution 1918. Prof. Dr. Heinrich August Winkler (geb. 1938) hat dem widersprochen (Die Zeit, 21.2.19). Er ist einer der besten Kenner der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Seine „Geschichte des Westens. Vier Bände. 2009-2015.“ ist ein Standardwerk. Ich fasse Winklers Argumente in zehn Thesen zusammen:

1. 1914 kam es für die SPD nicht in Frage, gegen die Kriegskredite zu stimmen, weil dadurch einem Vormarsch russischer Truppen Vorschub geleistet worden wäre.

2. 1918 war die SPD mehrheitlich anderer Meinung als Rosa Luxemburg, die den Gedanken, „den Sozialismus ohne Klassenkampf, durch parlamentarischen Mehrheitsbeschluss einführen zu können“, für eine „lächerliche, kleinbürgerliche Illusion“ hielt.

3. Die Bereitschaft zum Klassenkompromiss 1918 hat die Zusammenarbeit der gemäßigten Kräfte in der Arbeiterschaft und im Bürgertum in der „Weimarer Koalition“ ermöglicht.

4. Die Spaltung der Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg war einerseits eine schwere Belastung der weiteren Geschichte und andererseits eine Vorbedingung für die Republik von Weimar.

5. Die Sozialdemokraten haben möglicherweise die erste deutsche Demokratie zu wenig befestigt, sie haben aber gegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und ihre Parolen „Alle Macht den Räten“ und „Diktatur des Proletariats“ eine schnelle Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung durchgesetzt.

6. Hätte die SPD der linksradikalen Minderheit der Berliner Arbeiterschaft nicht Einhalt geboten, wären die Deutschen um die Ausübung ihres politischen Selbstbestimmungsrechts gebracht worden.

7. Der letzte sozialdemokratische Bundeskanzler, Gerhard Schröder, hat mit der Agenda 2010 die Wirtschaft in Schwung gebracht und seiner Partei die Krise beschert.

8. Die Agenda 2010 kann verbessert werden. 2003 scheiterte die Einführung eines Mindestlohns noch am Widerstand mehrerer Gewerkschaften.

9. Die SPD muss mit den Themen Migration und Integration ehrlich umgehen.

10. Wahlerfolge haben die Sozialdemokraten immer dann errungen, wenn es ihnen gelang, mit ihren Forderungen bis in die politische Mitte vorzustoßen.

Nachbemerkung W. S.: Nach 1945 hatten wir in Deutschland ja beide Modelle, das „linke“ = DDR, und das „rechte“ = Bundesrepublik.

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