2308: Künstliche Intelligenz (KI) im Journalismus

John Micklethwait ist seit 2015 Chef beim Wirtschaftsnachrichtendienst „Bloomberg News“. Er hat sich dort als Pionier bei der Anwendung künstlicher Intelligen (KI) profiliert. Andrian Kreye hat ihn für die SZ interviewt (2./3.2.19).

SZ: Wird das den Journalismus auch inhaltlich verändern?

Micklethwait: Es wird sicherlich neue Arten geben zu berichten. Im Sport fasziniert mich das unendlich. Da kann man das jetzt schon beobachten. Bei der Übertragung von Fußballspielen sehen Sie jetzt schon am unteren Bildschirmrand diese ganzen Informationen, nicht nur den Ballbesitz, sondern auch die Zahl der Eckstöße, der Fouls, wie oft jemand einen Pass gespielt hat und wie oft das Erfolg hatte. Kein Mensch hätte die Zeit oder die Geduld, das alles mitzuzählen. Aber für die Zuschauer ist das sehr aufschlussreich. Und so richtig interessant wird es in Zukunft, wenn Sie mithilfe von KI Nachrichten personalisieren. Wenn die Verlage nicht nur dort Angebote machen, wo jemand lebt, sondern auch wissen, welche Interessen er hat, welche Mannschaft er mag, welche Aktien er besitzt et cetera.

SZ: Imitieren Sie da nicht soziale Medien? Schaffen Sie da nicht neue Filterblasen?

Micklethwait: Man braucht sicher eine Mischung. Für Zeitschriften ginge das auch nicht. Aber für Tageszeitungen geht es bis zu einem gewissen Grad. Vor allem für die Ausgaben auf mobilen Endgeräten. Da beginnen Sie mit allgemeinen Nachrichten aus Deutschland und der Welt, dann folgen die persönlich zugeschnittenen Berichte. Und dann mischen Sie noch Zufallsentdeckungen dazu. Es wird immer Geschichten geben, die Leute interessieren, obwohl sie vorher noch gar nicht wissen, dass sie sie interessieren. Letztlich vertrauen Leser und Nutzer einem Medium auch deshalb, weil sie der Redaktion vertrauen. Daran werden KI-gesteuerte Werkzeuge nichts ändern.

SZ: Funktioniert KI denn außerhalb eines begrenzten, messbaren Themenkreises? Bei Wirtschafts- und Sportergebnissen oder bei Wahlergebnissen gibt es eindeutige Daten, die man auswerten kann. Aber was ist mit der Berichterstattung über Konflikte? Oder über Kultur? Da gibt es selten Zahlen, die in ein Raster passen.

Micklethwait: Klar, das ist schwieriger. Aber auch da kann KI helfen. Nehmen Sie einen Reporter, der aus Aleppo berichtet. Das kann kein Computer ersetzen. Aber man könnte sich vorstellen, dass ihn KI-gesteuerte Drohnen unterstützen. Oder ein Kunstkritiker. Den kann eine KI darauf hinweisen, dass es in Japan eine Künstlerin gibt, die gerade enorm viel Aufmerksamkeit in sozialen Medien bekommt. Letztendlich wird es immer ein Mensch sein, der entscheidet, was interessant und relevant ist. Daran wird sich nichts ändern. Aber die Qualität des Journalismus wird steigen. Erinnern Sie sich noch an die Frühzeiten des Internets? Als man glaubte, man müsse die Regeln und ethischen Standards des Journalismus überarbeiten? So kam es dann aber nicht. Die virtuelle Welt und das echte Leben unterscheiden sich zwar, aber es gelten in beiden dieselben Regeln, was Privatsphäre und Qualitätsstandards betrifft. Je besser der Journalismus wird, desto besser kann man ihn auch verkaufen.

SZ: Das klingt erfrischend optimistisch für den Vertreter einer Branche, die in den vergangenen Jahren die digitale Welt sehr pessimistisch betrachtete.

Micklethwait: Es war sicherlich der schwerwiegendste Fehler, dass Medien in der Aufbruchstimmung der Digitalisierung ihre Inhalte verschenkt haben. Das hat anderen erlaubt, Angebote aufzubauen, die dem Journalismus finanziell geschadet haben. Aber wenn man sich heute in der Welt umschaut, verlangen viele doch wieder Geld und verdienen auch mit Journalismus. Jeff Bezos hat die „Washington Post“ ja ursprünglich gekauft, um die Politiker in Washington zur Verantwortung zu ziehen. Aber dann hat er die Redaktion besucht und innerhalb von einem Tag erkannt, dass man mit einer Zeitung sehr wohl Geld verdienen kann. Als erstes hat er dann mal eine Paywall einbauen lassen.

SZ: Sind das bei der „Washington Post“ und der „New York Times“ nicht vor allem Krisengewinne, weil die Ära Trump ihnen viele Leser gebracht hat?

Micklethwait: Nicht unbedingt. Ich glaube ja eher, dass die Leute Themen wie Brexit oder Trump langsam satthaben. Aber das Verhalten ändert sich gerade. Weltweit steigt die Zahl der Menschen, die aufs College gehen, die reisen, die Jobs haben, die auf Ideen und Analysen angewiesen sind. Solche Jobs der Wissensgesellschaft nehmen stetig zu. Und woher bekommen sie ihr Wissen? Aus Büchern oder aus dem Journalismus. Und Journalismus ist immer noch ziemlich billig. Die meisten Formen des Journalismus bekommen Sie für den Preis einer Tasse Capuccino. Dazu kommt, dass sich eine junge Generation an das digitale Abo-Modell gewöhnt. Die abonnieren Netflix und andere Dienste auf ihrem Telefon. Und deswegen werden sie auch für Informationen und Analysen bezahlen. Ich glaube nicht, dass alle Formen des Journalismus überleben werden. Aber für Qualitätsjournalismus gibt es immer noch eine Zukunft.

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