2293: Psychoanalyse im Nationalsozialismus

Wie andere Theorien auch muss es sich die Psychoanalyse gefallen lassen, von Zeit zu Zeit kritisch überprüft, ja manchmal sogar hart kritisiert zu werden. Einen dieser Versuche hat der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt Salomon Korn unternommen („Die Zeit“ 7.2.19), der zugleich Mitglied im Kuratorium des Sigmund-Freud-Instituts ist. Für Korn hat im Nationalsozialismus im Gegensatz zur Legende vom Widerstand der Psychoanalyse eine „Arisierung“ und Selbstgleichschaltung stattgefunden. Die Psychoanalyse war nicht der natürliche Gegner der Nazis. Führende Analytiker wie

Felix Böhm,

Carl Müller-Braunschweig,

Werner Kemper und

Harald Schultz-Henke

betrieben Anpassung an den Faschismus. Sie spielten den Nazis beim brutalen Vollzug der Rassegesetze direkt in die Hände. Das ist nicht ganz neu, nur scheint Korn der Meinung zu sein, dass darauf heute wieder hingewiesen werden muss.

„Die Selbstgleichschaltung der Psychoanalyse beschädigt gewiss nicht die Lehre Freuds, aber sie wirft Fragen nach der fortan sogenannten ‚Seelenkunde‘ auf. Was ist von einer tiefenpsychologischen Therapie zu halten, die im Moment ihrer größten Bewährungsprobe alles Menschliche dem persönlichen Fortkommen opfert?“ Die Psychoanalytiker Hans-Martin Lohmann und Lutz Rosenkötter hatten schon 1982 geschrieben: „Die Chronik der Jahre zwischen 1933 und 1945 (wäre) viel leichter zu schreiben, wenn wir davon berichten könnten, dass die ‚arischen‘ Analytiker von einem bestimmten Punkt der Entwicklung an eindeutig ‚Nein‘ gesagt hätten.“

In dem berüchtigten Fernseh-Interview (1963) mit Günter Gaus hat die Philosophin Hannah Arendt, allerdings eine scharfe Kritikerin der Psychoanalyse, gesagt: „Das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten, (…) das war, als ob sich ein leerer Raum bildet.“

Ich wundere mich nur, dass bei Salomen Korn nicht stärker der Groß-Analytiker Carl Gustav Jung (1875-1961) kritisiert wird, der tatsächlich faschistische Züge hatte. Ich werde das im nächsten Blog-Beitrag nachholen

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