2287: Die Bauhaus-Legende – dekonstruieren !

In der ihm eigenen kundigen, klugen und klaren Art nimmt sich Hanno Rauterberg anlässlich des hundertsten Jubiläums des Bauhauses dessen Mythos an („Die Zeit“ 17.1.19). In drei Schritten dekonstruiert er die wichtigsten Legenden der Hochschule für Gestaltung: 1. dass das Bauhaus innovativ, 2. ein Ort des Freisinns und 3. revolutionär gewesen sei. Die Werbung für das Jubiläum will es so, dass im Bauhaus der Traum vom besseren Leben für alle geträumt worden sei – hell, geräumig, hygienisch, einwandfrei, fortschrittlich und bezahlbar für alle. Im Bauhaus-Jubiläum feiert sich das kreative Deutschland.

Dabei war die „Kunst der Selbstverklärung“ wohl ein Markenzeichen des Bauhauses unter ihren Direktoren

Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe.

Der Name Bauhaus war von den gotischen Bauhütten des Mittelalters abgeleitet. Überwunden werden sollten die Übel der Zeit: die Weltangst nach dem Ersten Weltkrieg, die Entfremdungserfahrungen der Industrialisierung, der als peinvoll empfundene Pluralismus. Gedacht wurde die Einheit von Kunst, Handwerk und Gesellschaft. Manche Hervorbringungen des Bauhauses trugen skurrile Züge. Oder rassistische. So bei Johannes Itten, der von der „weißen Rasse“, dem „Haus des weißen Mannes“ und vom Geist der Überlegenheit sprach. Manchmal folgte das Bauhaus anderen Kunstschulen wie der De-Stijl-Bewegung in Amsterdam oder dem russischen Konstruktivismus. Sie verkündeten das Elementare, das Eigentliche und die schwebende Leichtigkeit. Im Gegensatz zur Aufklärung, die jede Vorstellung von einer ewigen Ordnung über den Haufen geworfen hatte, verfolgte das Bauhaus lange Jahre die Idee der Eigentlichkeit.

Die Zahl der Frauen im Bauhaus war bewusst begrenzt. Sie waren nicht gleichberechtigt, sondern galten weithin als „Webmädchen“. Rigide waren die Vorstellungen vom richtigen Bauen. Das Heil lag im rechten Winkel. Der Bauhaus-Meister Paul Klee selbst kritisierte die „Schablonengeistigkeit“. Für Hannes Meyer war Bauen nur Organisation: „soziale, technische, ökonomische, psychische organisation“. Die Last der Überlieferung sollte abgeworfen, die Zumutungen einer unübersichtlich gewordenen Zeit beseitigt werden.

Das Bauhaus pflegte die These, es sei ein Hort des Widerstands gewesen. Und tatsächlich sahen seine Gegner in der Reformschule „kommunistische Umsturzpläne“. Rechte und Rechtsextremisten waren gegen das Bauhaus. In der Tat bemühte sich die Schule unter seinem Direktor Mies van der Rohe ab 1930 dezidiert darum, sich aus tagespolitischen Konflikten herauszuhalten. Kritik am Kapitalismus war unerwünscht. Das Bauhaus setzte auf die Kräfte des Marktes. So kam es dazu, dass die Projekte von ihrer Produzierbarkeit her gedacht wurden. Die Studenten sollten wie Jungunternehmer agieren und sogar an den Gewinnen beteiligt werden. Dabei waren die meisten Sessel, Lampen und Teekannen für die breite Masse unerschwinglich. Der Hang zur Luxusproduktion nahm unter Mies ständig zu. So verlor sich jede Sozialkritik, sollte sie einmal beabsichtigt gewesen sein, in den Villen, die für die Reichen gebaut wurden. Herausgekommen war eine „Ästhetik renditegesteuerter Beliebigkeit“. Die Geschichte der Bauhäusler war eine „Geschichte des Selbstverrats“.

Walter Gropius beharrte darauf, dass sein Bauhaus nicht bolschewistisch und nicht jüdisch gewesen sei, sondern deutsch. Er beteiligte sich an Ausstellungen und Wettbewerben des NS-Regimes. Mies unterschrieb einen großen Aufruf zur Unterstützung Adolf Hitlers und bewarb sich dafür, die Reichsbank in Berlin bauen zu dürfen. Erst 1938 ging er in die USA, wo er seinen Weltruhm begründete. Dort, in der Emigration, brachten neben Mies auch Walter Gropius, Marcel Breuer und Josef Albers das Bauhaus erst zu seiner wahren Bedeutung. Andere Bauhäusler wie Ernst Neufert blieben in Deutschland. Er wurde einer der engsten Mitarbeiter von Albert Speer. Fritz Ertl agierte als stellvertretender Leiter der SS-Zentralbauleitung im Konzentrationslager Auschwitz. Er entwickelte die serielle Produktion von Baracken, in denen etliche andere vom NS-Regime verfolgte Bauhäusler eingesperrt wurden, bevor man sie ins Gas schickte.

Walter Gropius erwies sich auch nach 1945 als Meister der Eigenwerbung. Er organisierte viel beachtete Ausstellungen in New York und versuchte den Eindruck zu erwecken, der sogenannte International Style sei eigentlich in Weimar geboren worden. Vorläufer wie Adolf Loos und Frank Lloyd Wright unterschlug er oft. Die politische Linke in Deutschland übte hauptsächlich Kritik am Bauhaus. Ernst Bloch sprach über „Stahlmöbel, Betonkuben, Flachdachwesen“. Bertolt Brecht polemisierte gegen „Kasernen“ und Theodor W. Adorno erkannte „Konservenbüchsen“. Heute gilt das Bauhaus überwiegend als modern, innovativ, aufgeklärt und zeitgemäß. Und einige seiner Produkte sind es ja wirklich. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

„Denn genau das war ja die Bauhaus-Moderne: innerlich zerrissen, manchmal sentimental und konformistisch, gelegentlich wahnhaft in den eigenen Enthusiasmus verliebt.“

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