Auf der Seite der „Literarischen Welt“, auf der Prominente ihre Lieblingsbücher vorstellen, spricht Winfried Kretschmann, 70, u.a. über Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951) (9.2.19). Kretschmann ist der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland. 2011 gewählt, 2016 mit 30,3 Prozent wiedergewählt. So weit sind die Grünen noch nicht überall. Nach Joschka Fischer ist Kretschmann der prominenteste von ihnen. Sein aktuelles Buch heißt „Worauf wir uns verlassen wollen. Für eine neue Idee des Konservativen“. Kretschmann, der kein Linker ist, bezeichnet sich als Romanleser“. Er schreibt:
„Die Lektüre von Hannah Arendt hat mich vom Linksradikalismus befreit. Als Student war ich ja eine Zeit lang der maoistischen Sekte verfallen. Doch dann wurde die Hannah Arendt zu meinem Kompass. Vielleicht ist sie – zusammen mit Jeanne Hersch – die Figur, die mein politisches Denken am tiefsten geprägt hat. Ihr Werk ‚Vita activa‘ kommt in meinen Reden auch deshalb so oft vor, weil es für meine Orientierung steht. Nach meiner Phase der linksradikalen Verirrung habe ich durch Hannah Arendt viel über das
Wesen des Totalitarismus
gelernt. Später hat mich dann zusätzlich noch Robert Spaemanns ‚Kritik der politischen Utopie‘ mit der Realpolitik versöhnt. Realpolitik jetzt nicht wie bei Bismarck verstanden, sondern als Plädoyer gegen zu viel Utopismus mit seinem Radikalismus und Fanatismus.“