2253: Wird die Welt immer friedfertiger ?

Der Kognitionspsychologe Steven Pinker (geb. 1954) verficht seit langem die These, dass die Welt entgegen mancher anderen Behauptungen immer friedfertiger werde. Zentral sind hierfür seine Bücher

Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit (2011) und

Aufklärung (2018).

2010 hat Pinker einen Vortrag an der Georg-August-Universität Göttingen gehalten. Er stützt sich auf eine Flut von Daten, Fakten und Grafiken. Glaubt man ihm, dann können wir uns sagen, wie gut wir es doch haben, dass wir heute leben. Als Ursachen für die Entwicklung sieht Pinker die Aufklärung und die Entwicklung der Nationalstaaten mit ihrem

Gewaltmonopol.

Pinker lobt die Entwicklung der Bürgerrechte, der religiösen Toleranz und unseren immer kosmopolitischer werdenden Blick auf die Welt. Als Pinkers großer Vorläufer wird der Soziologe Norbert Elias (1897-1990) angesehen, dessen bahnbrechendes Werk den Titel

Über den Prozess der Zivilisation (1939)

trägt. Elias war ein Schüler Karl Mannheims (1893-1947).

Widerspruch bekommt Steven Pinker neuerdings hauptsächlich von Historikern. Sie werfen dem Psychologen vor, historische Methoden zu vernachlässigen, sich auf körperliche Gewalt zu konzentrieren und die Härte der Gewalt in der Vergangenheit zu übertreiben (etwa in prähistorischen Jäger- und Sammlergesellschaften). In den Mittelpunkt stellen sie die von Pinker aufgegriffene These vom „finsteren Mittelalter“. Sie sei von den Humanisten der Renaissance erfunden und dann von den Aufklärern zum Stereotyp gemacht worden. Pinker legt eine beeindruckende Statistik zu Mordfällen in fünf westeuropäischen Ländern zwischen 1300 bis 2000 vor. Danach geht die Mordrate insgesamt eindrucksvoll nach unten. Voller Fortschrittsoptimismus verkündet Pinker, dass die Gewaltlosigkeit zur psychischen Normalausstattung des Menschen geworden sei (Christian Wolf, Die Welt 5.1.19).

Es ist gar nicht so einfach, zu Pinkers These eine seriöse Position zu beziehen. Denn – wieder einmal – kommt es dabei viel weniger auf wissenschaftliche Daten, Methoden und Ansätze an als auf unsere Perspektive auf die Welt (Weltanschauung). Denn, wie der Konstruktivismus uns schon richtig sagt, sehen wir die Welt so, wie wir sie sehen wollen. Wie sie in unser Vorurteilsgerüst hineinpasst. Und so ist es, wie zu erwarten: Die Linken und Pazifisten lehnen Pinker überwiegend ab. Seine Thesen bringen es ja mit sich, dass die linken und pazifistischen Aufklärungsprogramme weithin überflüssig wären, weil die Welt sich ja schon – vielleicht zu langsam – in die richtige Richtung bewegt. Daran haben Linke und Pazifisten gar kein Interesse. Sie wollen sich ja nicht überflüssig machen, sie wollen die Welt schlecht. Und umgekehrt: Die Rechten freuen sich, dass sie an manchen von ihnen favorisierten Vorurteilen festhalten können, weil die Welt ohnehin schon auf dem richtigen Weg, dem zu immer weniger Gewalt, ist. Dann kann man auch schon mal Waffenlieferungen an Staaten wie die Türkei und Saudi-Arabien rechtfertigen.

Wo stehen Sie? Diejenigen von Ihnen, die sich hinter der Aussage verstecken, rechts und links gebe es heute nicht mehr, nehme ich nicht ernst. Die drücken sich nur. Oder wollen Wahlkämpfe gewinnen.

Wenn Sie, was Ihr gutes Recht ist, meine Meinung hören wollen, so sage ich Ihnen, dass ich Pinkers Beweisführung und seine These plausibel finde. Ich bin also ein richtiger Rechter.

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