1. In Amerika nannte man im 17. Jahrhundert „Conversion narratives“ die in der Kirche vor versammelter puritanischer Gemeinde geäußerten Bekenntnisse des persönlichen Erlösungswegs. Die Belohnung dieser rituellen Bekehrung war die Aufnahme in die Gemeinde als vollwertiges Mitglied.
2. Bei diesen Ritualen ist es bis heute geblieben: so musste Bill Clinton zerknittert seine Seitensprünge öffentlich zugeben.
3. Facebook hätten die puritanischen Geistlichen für ein großartiges Medium gehalten. Funktioniert es doch als öffentliches Tagebuch, die Menschen kehren ihr Innerstes nach Außen.
4. Wichtig ist es, für die Gemeinde transparent und „lesbar“ zu sein. Begünstigt wird die Kultur der Autobiografie.
5. Die moderne Digitalisierung wird zum Promoter alter puritanischer Tugenden.
6. In Europa nehmen wir an, dass derjenige, der erwachsen werden will, gelernt haben muss, Geheimnisse zu haben und zu bewahren. Er muss Ambiguität aushalten und so einen privaten Raum schaffen, in dem die Person sich entfalten kann.
7. Firmen wollen wissen, für welche Werbung wir empfänglich sind. Für uns Menschen ist das Geheimnis unverzichtbar.
8. Die Ausrichtung an der großen Gemeinschaft in Amerika führt paradoxerweise gerade nicht zum Gefühl des Aufgehobenseins, sondern zu dem der Vereinzelung.
9. Der große französische Denker Alexis de Tocqueville schilderte in seinem Buch „Über die Demokratie in Amerika“ (1830), wie die Menschen durch den Druck des Massengeschmacks und Massenurteils zu einer Gleichheit in der Vereinzelung geführt werden.
10. „Europa sollte stolz sein auf seine Kultur der Privatheit, auf die urbane und zivile und schließlich demokratische Scheidung des Öffentlichen und des Privaten, es sollte das Recht auf persönliche Geheimnisse und auf ein Privatleben ohne öffentliche Kommentare schützen und sich von den digitalen Netzwerken nicht zu einem Puritanismus verleiten lassen, bei dem wir mehr verlieren, als wir je dazugewinnen könnten.“ (Nathalie Weidenfeld, SZ 20.12.18)