1. Der „Spiegel“ schickt seinen Washington-Korrespondenten Christoph Scheuermann nach Fergus Falls in Minnesota (USA), um eine Fälschung des ehemaligen „Spiegel“-Reporters Claas Relotius, 33, aufzuklären.
2. Im Fall von Fergus Falls hatten zwei Blogger, Michael Anderson und Jake Krohn, Relotius sehr früh elf absurde Lügen nachgewiesen. Möglicherweise waren manche Relotius-Texte anti-amerikanisch inspiriert. Insgesamt hat Relotius 60 „Spiegel“-Texte verfälscht oder manipuliert.
3. In all diesen Fällen hat die „Spiegel“-Abteilung für Fakten-Check, „Dokumentation“, versagt, auf die die Zeitschrift hauptsächlich ihren Ruf gründet. Der Ruf ist ruiniert.
4. Inzwischen bemühen sich folgende Blätter, den Wahrheitsgehalt der ihnen von Relotius gelieferten „Geschichten“ aufzuklären: Neben dem „Spiegel“ die „taz“, die „Welt“, „Die Zeit“, das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“, der „Tagesspiegel“.
5. Natürlich ist das Ganze Wasser auf die Mühlen der Demokratieverächter bei den „Reichsbürgern“, den Identitären und der AfD, die sich sowieso nur in den Kategorien der „Lügenpresse“ wohlfühlen.
6. Das Versagen der Presse hat systematischen Charakter und ist kein Einzelfall (wir denken an Tom Kummer), wie Cord Schnibben in der FAZ meinte.
7. Es geht nicht etwa nur darum, dass ein von der Industrie bezahlter Influencer schamlos über seine bevorzugten Produkte (Schleichwerbung) schwadroniert.
8. Es handelt sich um den GAU der gesamten Branche.
9. Karl Kraus (1874-1936) hatte die Journalisten ohnehin bloß als die „Kehrichtsammler der Tatsachenwelt“ betrachtet.
10. Der regelmäßig hochgelobte Egon Erwin Kisch (1885-1948) („Schreib das auf, Kisch!“) war tatsächlich kein akribischer Reporter und Faktensammler, sondern ein fantasievoller Geschichtenerzähler von literarischer Qualität.
11. Hans Magnus Enzensberger hatte schon 1957 in „Die Sprache des Spiegels“ gezeigt, dass das Nachrichtenmagazin alle Nachrichten „in ein pseudoästhetisches Gebilde (verwandelt), dessen Struktur nicht mehr von der Sache, sondern von einem sachfremden Gesetz diktiert ist“.
12. „Die Anekdote bestimmt die Struktur einer solchen Berichterstattung.“
13. Juan Moreno („Der Spiegel“): „Die Reportage hat sich in den letzten Jahren massiv Richtung Kurzgeschichte, Richtung Literatur entwickelt.“
14. Viele Journalisten schreiben anscheinend nicht mehr in erster Linie für ihre Leser, sondern für Ressortleiter und Chefredakteure und für die Jurys journalistischer Preise. Das verdirbt den Wahrheitsgehalt.
15. In der Wissenschaft wurde im aus Frankreich stammenden Dekonstruktivismus (Jacques Derrida, Harold Bloom, Paul de Man) nicht zuletzt die These verfochten, dass es eine Wirklichkeit gar nicht gebe, sondern dass alle dargestellte Wirklichkeit Fiktion sei.
16. Das vertrug sich nicht mit dem aus dem angelsächsischen Journalismus stammenden Prinzip der Trennung von Nachricht (Fakt) und Meinung, die in Deutschland erst 1945 in den westlichen Besatzungszonen eingeführt worden ist.
17. Hauptsächlich solchen Lügnern wie Donald Trump ist es auf diese Weise gelungen, Aussage und Wahrheit zu entkoppeln.
18. Wenn nichts wahr ist, kann alles zur Wahrheit erklärt werden.
19. Wenn freier Journalismus in aller Welt energisch und systematisch gegen solche Verhunzungen vorgeht, kann die gegenwärtige Krise des Journalismus zu einem Wendepunkt werden und zu einem Neuanfang führen.
20. Guter Journalismus war stets gekennzeichnet durch: Recherche, Recherche, Recherche.
(Jürgen Kaube, FAZ 22.12.18; Thomas Schmid, Welt 22.12.18; Christian Meier, Welt 22.12.18; David Denk, SZ 22./23.12.18; Annette Ramelsberger, SZ 22./23.12.18; Claudius Seidl, FAS 23.12.18)