Beatrice Durand hat sich 2003 an der Martin-Luther-Universität Halle habilitiert mit einer Arbeit, welche die Experimente und Gedankenexperimente untersucht, in denen Menschen von der Geburt an für sich und von der Gesellschaft isoliert aufwachsen. Ihr Arbeit ist 2005 in Paris plagiiert worden. Der Plagiator wurde von einem Pariser Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt. Beatrice Durand hat ihre Erkenntnisse in einem langen Beitrag für die FAZ (3.8.18) zusammengefasst. Ich kompiliere ihn hier in 18 Punkten.
1. Seit der Geschichte von „Kaspar Hauser“ (1812-1833) (vgl. den Film von Werner Herzog) fragen wir uns, wie Menschen, die isoliert aufwachsen, überleben können.
2. Einschlägige Experimente und vor allem Gedankenexperimente sind zu „wissenschaftlichen Zwecken“ unternommen worden.
3. Der Stauferkaiser Friedrich II. (1192-1250) wollte feststellen lassen, welche „Ursprache“ es gab. Die Kinder im Experiment starben „mangels Liebe und Zuneigung“.
4. Noch der Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) spielte mit dem Gedanken, ein solches Experiment durchführen zu lassen.
5. In den Gedankenexperimenten wurden aus moralischen Gründen Ursachen für die Isolierung fingiert wie eine Sintflut oder Erdbeben.
6. Auf diese Weise sollte z.B. festgestellt werden, wer zuerst untreu wird, Frauen oder Männer.
7. Die Berliner Akademie stellte 1771 die Frage: „Würden Menschen, wenn sie ihren natürlichen Fähigkeiten überlassen wären, in der Lage sein, die Sprache zu erfinden?“
8. Bei Johann Gottfried Herder 1772 erfindet der „gemächlich und behaglich auf eine einsame Insel“ gesetzte Mensch die Sprache, selbst wenn er blind und stumm ist.
9. Stets wurde betont, dass solche Experimente zum Wohl und Glück der Kinder durchgeführt würden.
10. Bei dem österreichischen Reformpädagogen Theodor Sonnleitner werden die „Höhlenkinder“ (1918-1921) zwar in der Gesellschaft geboren, aber dann durch ein Erdbeben isoliert.
11. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen widersprechen den Ergebnissen der Gedankenexperimente.
12. Die Gedankenexperimente dienten dazu, Natur und Kultur im Menschen auseinanderzusortieren.
13. „Bevor die Evolutionstheorie neue Möglichkeiten eröffnete, spielte das Gedankenexperiment so eine wichtige Rolle im Entstehen einer Wissenschaft vom Menschen.“
14. Alle wissenschaftlichen Modelle der Menschwerdung – mit der Ausnahme Rousseaus – gehen von der Natürlichkeit der Kultur aus: „Die Fähigkeit zur Kultur ist in der Natur des Menschen grundsätzlich angelegt.“
15. In der Aufklärung hat die Faszination für die Natur mit dem Fortschrittsgedanken koexistiert.
16. Die Entwicklung der Versuchskinder erscheint als ideale Verwirklichung zweier Grundwerte der Moderne: Rationalismus und Individualismus.
17. Die Fiktionen frühkindlichger Isolierung sind Metaphern der Befreiung von der Last und dem Bindungsgeflecht der Vergangenheit.
18. „Erschreckend ist an dem Gedankenexperiment frühkindlicher Isolierung .. nicht so sehr, dass es etwas durchdenkt, dessen Ausführung in der Wirklichkeit verbrecherisch wäre, sondern die Wut und Anmaßung, mit der es alles Tradierte verwirft und selbst die kognitive Bedeutung von Bindungen ignoriert, um das Ideal eines selbst erschaffenden Subjekts anzupreisen. Heute leistet die Evolutionstheorie das, wofür noch im 18. Jahrhundert das Gedankenexperiment notwendig war, und erst die Postmoderne hat uns davon geheilt, mit diesen Phantasien zu kokettieren.“