2089: „Neue kommentierte Gesamtausgabe“ Paul Celan

Die Tübinger Privatdozentin Barbara Wiedemann ist früh von der Familie Celan beauftragt worden, den Celan-Nachlass für den deutschsprachigen Raum auszuwerten. Bereits 2003 kam ein erster Kommentarband heraus. Nun ist erschienen:

Paul Celan: Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Berlin (Suhrkamp) 2018, 1.261 S., 78 Euro.

Celan ist der am häufigsten interpretierte und am umfassendsten edierte Lyriker des 20. Jahrhunderts. Er hat mit der „Todesfuge“ das berühmteste Gedicht deutscher Sprache im 20. Jahrhundert geschrieben. Vielfach hat man ihn mit diesem Gedicht zum Opfer, Heiligen und Märtyrer gemacht, was Celan meistens nicht gefiel.

Der Dichter ist zum Zankapfel von Wissenschaftsinteressen geworden. Es gibt zwei historisch-kritische Gesamtausgaben. Die Bonner von 1990 und die Tübinger von 1999. In der neuen Gesamtausgabe wird jedes einzelne Gedicht mit Anmerkungen versehen. Jedes nicht sofort durchschaubare Wort wird erklärt. 58 Gedichte sind neu hinzugekommen.

Paul Celan hat mit großer Wahrscheinlichkeit ein Leben (1920-1970) geführt, das 2018 nicht mehr ganz PC ist. Persönliche Erinnerungen und die Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann und Ilana Shmueli sind erschienen. 2010 erschien Das Buch der langjährigen geheimen Geliebten Brigitta Eisenreich. Darin werden Wörter wie „Schuttkahn“ erläutert. Im Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann erscheint etwa das Gedicht „Köln, Am Hof“ als Reflex auf eine ungestüme Liebesnacht bei der zufälligen Wiederbegegnung nach einer langen Trennung. Sogar der alte Peter Rühmkorf, der in den fünfziger Jahren als junger Wilder auftrat, musste sich gegen manche Insinuationen der Herausgeberin wehren. Helmut Böttinger meint, dass der Band trotzdem auf jeden Fall von praktischem Nutzen ist (Helmut Böttinger; SZ 27.7.18).

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