Den widerwärtigen Rassismus hat es in Deutschland immer gegeben. Wegen der Erinnerungen an die Nazi-Zeit eventuell lange Zeit eher hinter vorgehaltener Hand. Das ist mit dem Rassismus der AfD, etwa bei Alexander Gauland, anders geworden. Die dreißigjährige Tuba Sarica, die Germanistik und Medienkulturwissenschaften studiert hat, setzt sich in ihrem Blog
„Weltbewohner“
mit dem Verhältnis der deutschtürkischen Community zur Demokratie auseinander. Nun hat sie ein Buch geschrieben:
„Ihr Scheinheiligen! Doppelmoral und falsche Toleranz. Die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen“. München (Heyne) 2018, 224 S., 14,99 Euro.
Dazu hat sie Jonathan Fischer (SZ 25.7.18) interviewt:
SZ: Sie haben also bisher kaum selbstkritische Stimmen aus der deutschtürkischen Community vernommen?
Sarica: Die modernen Muslime, die behaupten, sie seien integriert, stehen unter starkem Zwang, es den Religiösen recht zu machen. Ich habe das an meiner eigenen, eher fortschrittlich gesinnten Familie gesehen. Sobald die religiöseren und verschleierten Verwandten zu Besuch kamen, wurden oft frauenfeindliche und deutschfeindliche Ansichten geäußert. Ich wollte immer dagegen aufstehen. Aber meine Mutter bat mich, mir den Widerspruch zu verkneifen. Es gibt da eine weitverbreitete Ablehnung der liberalen Demokratie und ihrer Diskussionskultur – aber sie wird als „Loyalität“ verkauft.
SZ: Sie werfen der Community vor, es sich in der Opferrolle bequem einzurichten. Warum?
Sarica: Es ist einfacher, das Bild vom „bösen Deutschen“ aufrechtzuerhalten. Damit gibt man die eigene Verantwortung ab. Ich habe als Türkin, die Abitur macht, vielen deutschtürkischen Kindern Nachhilfe gegeben. Viele waren total demotiviert. Sie schoben es auf die deutschen Lehrer. Am Ende aber waren es ihre eigenen Eltern, die ihnen eingeredet hatten, dass sie als Deutschtürken sowieso benachteiligt würden. Mein Buch hat deswegen eine Botschaft an meine Landsleute:
Ihr lebt in einem Land, in dem ihr eine Chance habt. Ergreift sie! Und übernehmt endlich die Verantwortung für euch!
…
SZ: Sie schreiben: „Die Integration sollte nicht auf die Deutschen abgewälzt werden.“ Machen Sie es da den Deutschen nicht zu leicht?
Sarica: Nein, ganz im Gegenteil. Ich nehme die Deutschen in die Verantwortung, sich nicht bei jedem Rassismusvorwurf wegzuducken. Sie sollten kritisch nachfragen, die Intoleranz nicht tolerieren. Denn hinter dem modernen Äußeren, das viele quasi-integrierte Deutschtürken vor sich hertragen, herrschen immer noch undemokratische Zustände. Ein ehrlicher Dialog wäre besser. Integration scheitert in Deutschland nicht an der Diskriminierung. Sie scheitert da, wo Liebe und Individualität verhasst sind.