Die Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn, geb. 1970, ist mittlerweile ständige Teilnehmerin des „Literarischen Quartetts“. Dort hat sie hier und da schon für neue Perspektiven gesorgt. Sie beschäftigt sich u.a. mit dem deutschen Patriotismus. Dazu hat sie ein Buch vorgelegt:
Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten. München (Knaus) 2018, 336 Seiten, 24,00 Euro.
Iris Radisch und Adam Soboczynski haben nachgefragt. Hier einige Antworten Thea Dorns:
„Ich halte es beispielsweise für richtiger, wenn im Theater Goethes ‚Faust‘ als wenn eine Flüchtlingsperformance gegeben wird. Glaubt man der gängigen Sortierung, gehört eine solche Auffassung doch eher ins Portefeuille einer Konservativen. Mein zentrales Anliegen ist, das zu verteidigen, was in Europa in den letzten zweieinhalbtausend Jahren entstanden ist: die Idee eines mündigen, gebildeten, freien, emanzipierten Individuums. Und wenn wir uns klarmachen, dass diese großartige Idee weltweit immer noch eine Minderheitenidee ist und dass wir selbst dabei sind, sie zu verscherzen, dann stellt sich die Frage nach links und rechts plötzlich neu.
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Der Verfassungspatriotismus, der letzlich ein gesamtwestlicher ist, stellt auch für mich das Fundament dar. Aber er allein reicht nicht. Deswegen suche ich ein Plus X. Da kommt etwas Deutsches ins Spiel. Solange Europa für die meisten Bürger ein lästiges Abstraktum ist, muss das Europäertum mit nationalen Patriotismen verschränkt bleiben. Ich halte es für verkehrt und gefährlich, die Idee des Nationalstaats gegen den europäischen Gedanken auszuspielen.
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Ich halte es für ein Problem, dass in Deutschland ganze Generationen aufwachsen, die von deutscher Kultur keine Ahnung haben.
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Der flache Egozentrismus unserer Gesellschaft hat doch auch damit zu tun, dass Leute keine Zusammenhänge mehr herstellen können.
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Die Welt hat sich dramatisch verändert. Wir können nicht sagen, Europa und Deutschland müssen politisch wieder in den Ring steigen, und gleichzeitig derart defensiv auftreten. Deutschland hat sich mit seiner verbrecherischen Vergangenheit glaubhaft auseinandergesetzt. Dies war nur möglich, weil seit den Auschwitzprozessen die deutsche Schuld im Mittelpunkt der deutschen Selbstverständigung stand. In aller Deutlichkeit: Ich halte dies uneingeschränkt für richtig. Aber es bringt nichts, die Diskurse der sechziger und siebziger jahre ewig nachzuspielen. Wenn wir das tun, überlassen wir Themen wie ‚Nation‘ oder ‚Patriotismus‘ den Rechten bis Rechtsradikalen.“ (Die Zeit, 26.4.18)
Kommentar W.S.: damit beschreibt Thea Dorn sehr gut die Lage.
Hinzuweisen ist auf das Buch
Thea Dorn/Richard Wagner: Die deutsche Seele. München (Knaus) 2017, 560 Seiten, in dem von „Abendbrot“ über „Gemütlichkeit“ bis hin zu „Zerrissenheit“ in 64 Stichwörtern dem deutschen Wesen nachgespürt wird.