Zwei Vertreter der Nebenkläger im NSU-Prozess legen in Buchform ihre Bilanz des Prozesses vor. Sie fällt vernichtend aus:
Mehmet Daimagüler: Empörung reicht nicht. München (Lübbe) 2017, 349 Seiten, 18 Euro,
Antonia von Behrens (H.): Kein Schlusswort. Plädoyers im NSU-Prozess. Hamburg (VSA) 2018, 328 Seiten, 19,80 Euro.
Die Autoren bzw. Herausgeber kommen bei unterschiedlichem Vorgehen zu sehr ähnlichen Ergebnissen:
1. Es handelt sich um Staatsversagen. Der Verfassungsschutz hintertreibt die Aufklärung.
2. Es soll ein Schlussstrich unter die erforderliche Aufklärung gezogen werden.
3. Das NSU-Trio hatte viele Helfer, die auch an manchen Tatorten halfen, ohne im Prozess benannt zu werden.
4. Mehr als 30 V-Leute waren um das Mörder-Trio herum postiert, so dass der Staat eigentlich Bescheid wissen musste.
5. Dadurch dass Akten geschreddert wurden, erhärtet sich der Verdacht, dass die Behörden gezielt vorgingen.
6. Wie die Täter ging auch die deutsche Polizei rassistisch vor.
7. Zunächst wurden die Familien der Opfer verdächtigt, Drogenhandel zu betreiben und zur Mafia zu gehören.
8. Daimagüler fordert eine „schonungslose“ gesellschaftliche Debatte über Rassismus (Konrad Litschko, taz 14./15.4.18).
Annette Ramelsberger berichtet vom ersten Tag an für die SZ über den NSU-Prozess. Sie sieht seine Bedeutung auf einer Stufe mit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen (1945-1949), den Frankfurter Auschwitzprozessen (1963-1968) und dem Stammheim-Prozess (1975-1977) und schreibt (SZ 4.5.18).
9.“Ja: Dieser Prozess ist zum mahnenden Beispiel dafür geworden, dass das Strafprozessrecht dringend geändert werden muss – einige Verteidiger nutzen ihre Rechte als Blockadeinstrument; ihnen ist nicht mehr die Wahrheitsfindung wichtig, sie arbeiten nahe an der Sabotage. All diese Kritik am Prozess ist richtig. Doch es wird dabei übersehen, was er in den vergangenen fünf Jahren geleistet hat: Er hat den Blick der Gesellschaft dahin gerichtet, wo es wehtut; dorthin, wo die Mehrheit jahrelang nicht hinschauen wollte. Er zeigt schmerzhaft, dass es vor allem in den neuen Ländern Mainstream geworden ist, rechts zu sein; dass es in manchen Orten schrecklich normal ist, dass sich jeder bedroht fühlt, der etwas anders aussieht als der Durchschnittsdeutsche. Am erschreckendsten aber ist die Erkenntnis, dass es auch nach fünf Jahren NSU-Prozess Leute gibt, die die gezielte Ermordung von zehn Menschen für einen Kollateralschaden halten im Kampf gegen die angebliche Überfremdung Deutschlands.“
10. „13 Jahre lang, zwischen 1998 und 2011, haben Staat und Gesellschaft die Augen verschlossen vor der Dimension des NSU. Die Bedeutung des Prozesses gegen Beate Tschäpe und ihre Helfer wird sich vor allem daran messen, ob die Gesellschaft aus ihm lernt: dass sie Haltung zeigen muss gegen alle Demokratiefeinde. Denn deren Macht schwindet nicht, wenn man wegschaut. Sie wächst.“