1876: Zum Gedächtnis Frank Schirrmachers (1959-2014)

Jakob Augstein (Herausgeber des „Freitags“) hat einen Band herausgegeben, in dem in mehreren Experten-Beiträgen der Inhalt eines von ihm selbst veranstalteten Symposiums verarbeitet wird.

Reclaim Autonomy. Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung. Berlin (Suhrkamp) 2017, 189 S., 16 Euro.

Es ist der Versuch einer Fortführung der vom FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher (1959-2014) begonnenen Grundsatz-Debatte über Digitalisierung. In dem Band sind Experten wie Yvonne Hofstetter, Saskia Sassen, Evgeny Morozov und David Gelernter vertreten. Das Vorwort stammt von

Martin Schulz (SPD).

Schirrmacher hatte in Schulz einen Sparringspartner in der Politik gefunden. Der im Journalismus herausragende Autor war dafür bekannt, dass er einen Riecher für kommende gesellschaftliche Groß-Diskurse hatte. In der digitalen Debatte ist die Aufbruchstimmung allerdings vorüber, aus der man eine

utopische oder dystopische Zukunft

herauslesen konnte. Frank Schirrmacher tat beides. Andrian Kreye (SZ 10./11.2.18) verweist in dem Zusammenhang auf John Brockmans Internetforum

edge.org.

Schirrmachers früh begonnene und steile journalistische Karriere begann 1984 bei der FAZ. Bereits 1994 wurde Schirrmacher dort Herausgeber. Und das, obwohl seine 1988 an der Gesamthochschule Siegen vorgelegte Dissertation („Schrift als Tradition – die Dekonstruktion des literarischen Kanons bei Franz Kafka und Harold Bloom“, 180 S.) wohl starke Überschneidungen mit seiner inzwischen nicht mehr greifbaren Magisterarbeit (in Heidelberg) und einem bei Suhrkamp veröffentlichten Buch hatte.

Schirrmachers Arbeit war reich an Höhepunkten. 2002 bezichtigte er Martin Walser wegen seines Romans „Tod eines Kritikers“ des Antisemitismus. 2006 bekannte Günter Grass in einem Interview mit Schirrmacher, dass er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte. In mehreren sehr kontrovers diskutierten Büchern thematisierte Schirrmacher wichtige Gegenwarts- und Zukunftsfragen.

So 2004 in „Der Methusalem-Komplex“ die Vergreisung der Gesellschaft. 2006 in „Minimum“ den Zerfall der Familie. 2009 in „Payback“ die Digitalisierung und das Informationszeitalter. 2013 in „Ego“ das Problem des freien Willens. Schirrmacher erwarb sich dabei den Ruf eines

neokonservativen Propheten und Cheftheoretikers.

Bei seinen Kritikern gilt er als ordinärer Kulturpessimist.

In der autobiografischen Romantrilogie („Das Mädchen“ 2011, „April“ 2014, „Jahre später“ 2018) von Schirrmachers erster Frau, Angelika Klüssendorf , kommt der Journalist als „Ludwig“ im dritten Teil nicht besonders gut weg.

 

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