Gottfried Benn (1886-1956) hat Zeit seines Lebens so getan, als habe er eine Abneigung gegen den Literaturbetrieb, als lehne er Akademien, Preise, Lesungen und Podiumsdiskussionen ab. Das war nicht die ganze Wahrheit. Er hat sich zu einem guten Teil doch darauf eingelassen. Das Werk dieses größten deutschen Lyrikers des 20. Jahrhunderts ist – zum Glück – mittlerweile wissenschaftlich beinahe vollständig erschlossen. Auch seine vielen Briefe liegen in mehreren Ausgaben vor. Nun kommt ein Band hinzu, der unterstreicht, wie wichtig für Benn Briefe waren:
Gottfried Benn: „Absinth schlürft man mit Strohhalm, Lyrik mit Rotstift“. Ausgewählte Briefe 1904 – 1956. Herausgegeben und kommentiert von Holger Hof. Stuttgart/Göttingen 2017, 623 Seiten, 39,90 Euro.
179 von 293 der abgedruckten Briefe sind wirklich neu. Der Band belegt eindrücklich, dass Benn aus einem eng begrenzten Reservoir an Gedanken und Formen schöpfte.
„Ich bin nicht populär und wünsche es nicht zu sein. Ich halte das Publikum für Pöbel und Ruhm für eine Schiebung.“
Besonders wichtig sind Benns Briefe an den Schriftsteller und glühenden Antisemiten Börries von Müchhausen (1874-1945). Dieser hatte 1934 in verunglimpfender Absicht behauptet, Benn sei Jude. 1937 wurde Münchhausen
Ehrenbürger Göttingens.
Benn wechselte Briefe mit dem Schriftsteller und Nazi-Kulturfunktionär Hans Johst (1890-1978). Dieser setzte sich für ihn ein. Benn wandte sich auch an seinen höchsten Dienstvorgesetzten bei der Reichswehrmacht, den Heeres-Sanitätsinspektor Anton Waldmann (1878-1941). Auch er half Benn. Benns Briefe an die Genannten waren äußerst vorsichtig (Stephan Speicher, SZ 18.1.18), er hielt sich hier ganz im von den Nazis vorgegebenen Rahmen.
Gottfried Benns Briefe zeigen uns, dass sein Weltbild keineswegs immer geschlossen oder gefestigt war. Er hat von den konservativen Anfängen der Bundesrepublik profitiert. Sie haben seine öffentliche Anerkennung erst möglich gemacht. In dieser Zeit wurde sein Ruhm endgültig begründet. Wir wollen seine Briefe lesen.