Die #MeToo-Bewegung hat schon vieles geschafft. Nun erreicht sie die Museen. Und wir reiben uns die Augen. Darüber macht sich Hanno Rauterberg (Die Zeit, 14.12.17) Gedanken:
„Wer die Museen der Welt durchstreift, wird unzählige nackte Frauen und einige nackte Männer erblicken. Auch an nackten Kindern herrscht kein Mangel. Zudem ist viel Gewalt zu sehen: Wenn Tizian malt, wie sich Tarquinius auf Lukrezia stürzt. Wenn Anthonis van Dyck festhält, wie ‚Susanna im Bade‘ von zwei White Old Men begrapscht wird. Oder wenn sich bei
Pablo Picasso
die Demoiselles d’Avignon als Prostituierte feilbieten.
Diese Bilder gehören zum großen Schatz der Kunstgeschichte, und alle werden sie gerade, dank der #Too-Bewegung, anders betrachtet. Manche, das scheint gewiss, werden in
Ungnade
fallen. Wie sehr haben die Künstler dazu beigetragen, das Bild der Frau als Lustobjekt zu verbreiten? Wo inszeniert sie Verlangen, wo Unterwerfung? Feiert die Kunst bis heute den Blick der malenden Männer,
gierig und lüstern?
Durchkreuzt sie also alles Bemühen um Ausgleich und Anstand?“
„Nun gibt es puritanischen Furor, seit es Kunst gibt. Schon immer mussten Künstler damit rechnen, dass ihre Motive auf Ablehnung stoßen. Doch in der jüngeren Geschichte kam die Kritik selten von jenen, die für Gleichheit und Aufklärung eintreten. Das Wegsperren unliebsamer Kunst war eine Sache
evangelikaler Christen oder dumpf rechter Politiker.
Jetzt ist es auch das Milieu der Kulturlinken, in dem Zensur von unten erwogen oder verlangt wird.“
„Woran das liegt? Vor allem daran, dass sich das Verhältnis zum Bild schleichend, doch tiefgreifend wandelt. Seitdem Fotos nichts mehr kosten, wird nicht länger nur das Besondere fotografisch festgehalten, sondern mit großem Drang auch das Banale. Das Bild wird zum
Medium gewöhnlicher Kommunikation.
Und auch die Kunst wird zu einer solchen Gewöhnlichkeit, abgelichtet im Vorübergehen, als Selfie-Hintergrund – und im Nu in alle Welt versandt. Der
schützende Rahmen des Museums
ist keiner mehr. Die Kunst ist mobil geworden. Sie wird
handyfiziert –
und damit zum integralen Bestandteuil jener Gesellschaft gemacht, in der viele dazu neigen, grundsätzlich alles auf sich selbst zu beziehen.“
„Im Prinzip folgt diese Entwicklung jenen Mustern, die schon den Skandal um die
Mohammed-Karikaturen
prägten. War die satirische Übertreibung im Rahmen westlicher Freiheiten eingeübt und im Prinzip unproblematisch, verlassen die Bilder jetzt diesen Rahmen oft schneller, als sie gedruckt sind – und werden dort verbreitet, wo man sie anders empfindet, häufig als zutiefst verletzend.“