Wir stoßen auf keinen Widerspruch, wenn wir behaupten, dass Gregor Gysi zu den intelligentesten, befähigsten und beredtesten Politikern der Gegenwart gehört. Das sagen auch seine Gegner. Nun hat Gysi seine Autobiografie vorgelegt:
Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig. Berlin (Aufbau) 2017, 583 S., 24 Euro.
Er hat ihr den für einen Kommunisten typischen Propagandatitel gegeben, auch wenn andere ähnlich verfahren. Und in der DDR hat er sich nach einem üblichen Bildungsweg durch die Institutionen (Melker) als Rechtsanwalt sehr erfolgreich getummelt. Dabei hat er mehrfach Dissidenten vertreten. Da ist es um so unverständlicher, dass Gysi heute noch nicht erkennt, dass die DDR ein
Unrechtsstaat
war.
Von seiner Herkunft her war Gysi nicht zum kommunistischen Kader bestimmt, obwohl seine Eltern ab 1930 für den Kommunismus kämpften. Von der Arbeiterklasse waren die Vorfahren weit entfernt. Chefärzte und Bankiers in der Famile des Vaters, auf Seiten der Mutter Großindustrielle und baltendeutscher Adel bestimmten die Familie. Von seinem Vater Klaus, der der DDR als Botschafter (u.a. im Vatikan) und Minister diente, werden zahlreiche hinreißende Anekdoten berichtet, wie er den klassenmäßigen Vorurteilen nicht entsprach. Auf einer Bahnfahrt zurück nach Nazi-Deutschland soll er mit lässiger Ironie sogar mit SS-Schergen gescherzt haben. Die Mutter war eine geborene Lessing. Ihr Bruder war mit der Nobelpreisträgerin Doris Lessing verheiratet. Frau Gysi hat ihre offene Herablassung in der DDR auch zum „Überleben“ verwandt.
Gregor Gysi hat in der DDR und später durchaus als „Ersatz für Antisemitismus: Intellektuellenfeindlichkeit“ erlebt. Ich erinnere mich an die frühen neunziger Jahre, wo Gysi in Dresden von einem Mob „Jude, Jude!“ zugerufen wurde. Die Stasi-Vorwürfe, die Gysi übrigens sämtlich gerichtlich hat verbieten lassen, sind m.E. dann besser zu verstehen, wenn wir uns klarmachen, dass viele im Westen nicht nachvollziehen, dass
Partei und Stasi eins
waren. Und die Partei gab die Befehle. Dann musste man als Anwalt der Stasi gar nicht offiziell als Informant dienen.
Gregor Gysi, der wohl immer noch nicht ganz in der Gesellschaft des Westens angekommen ist, hat sich trotzdem von manchen kommunistischen Prinzipien verabschiedet, so von der Vision des neuen Menschen: „Es geht nicht darum, diesen ewig alten Menschen zu ändern, sondern die Welt so in Balance zu halten, dass der Mensch althergebracht sein darf. Und dies so friedlich und frei, gerecht, demokratisch und solidarisch wie möglich.“ (Jens Jessen, Die Zeit 7.12.17)