Nach 1945 hatte der Soziologe Helmut Schelsky in Deutschland die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ entdeckt. Dabei hatte er zwar vernachlässigt, dass die alten
Klassenstrukturen
weiter existierten, es sich also um eine Klassengesellschaft handelte (die heute noch bis in die Paradise Papers hinein zu erkennen ist), aber erfasst, dass die Gesellschaft eine große Mischungsmaschine geworden war. Das galt bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
Nun veröffentlicht der Kultursoziologe Andreas Reckwitz aus Frankfurt/Oder 2017 sein Buch
„Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne“ (Suhrkamp).
Darin konstatiert er eine sozialstrukturelle Umschichtung und spricht von einer neuen Klassenpolarisierung (Kurzfassung in FAS 22.10.17), was einige Plausibilität auf seiner Seite hat. Dabei geht es weniger um die materielle Dimension, sondern um die kulturelle Ebene des Lebensstils. Es handelt sich um einen Strukturwandel der Mittelschicht. Bei Reckwitz ist die Rede von einer
Drei-Drittel-Gesellschaft,
die aus einer neuen Mittelklasse, der alten Mittelklasse und der neuen Unterklasse besteht.
Die industrielle Moderne ist Geschichte. „Drei Faktoren, die sich seit den siebziger Jahren verzahnen, sind entscheidend für ihre Erosion: der technologisch-wirtschaftliche Wandel von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft (die Zahl der Industriearbeiter wird kleiner, während die der hochqualifizierten ebenso wie der niedrigqualifizierten Dienstleistungen wächst); die Bildungsexpansion, das heißt der Anstieg der Akademikerquote; und der kulturelle Wertewandel von den Pflicht- und Akzeptanzwerten zu den Selbstverwirklichungswerten von 1968.“ Die neue Mittelklasse besteht aus Hochschulabsolventen, für die die „Lebensqualität“ entscheidend wird.
„Früher als trivial geltende Bereiche wie
Ernährung und Körper
werden zu zentralen Betätigungsfeldern: gesundes Essen und aufwendiges Kochen, der Körper als Ort vielfältiger Bewegungskulturen zwischen Tai-chi, Paragliding und Tango sind für den Lebensstil ebenso typisch wie die Bedeutung, die dem
Reisen –
möglichst aktiv und ‚jenseits der Touristenpfade‘ – beigemessen wird.“ Die neue Mittelklasse betreibt eine konsequente Singularisierung, die von Werten wie Einzigartigkeit, Besonderheit und Authentizität geleitet wird.
Das Leben der neuen Unterklasse liefert ein drastisches Kontrastprogramm dazu. Sie stellt die Verlierer der Bildungsexpansion. Der Lebensstil der Unterklasse wird entwertet. Die Berufe hier sind unattraktiv, die Ernährung ungesund, der Körper zu dick, die Erziehung der Kinder zu anregungsarm und die Wohnviertel zu unsicher.
Die alte Mittelklasse, die von mittleren Bildungsabschlüssen gekennzeichnet wird (Handwerker, Angestellte, Facharbeiter), finden wir überwiegend in Kleinstädten. Die Bildung, welche die neue Mittelklasse hochgebracht hat, drängt die alte Mittelklasse an den Rand. Die Orientierung an eher materiellen Werten entspricht der stärkeren Ortsgebundenheit.
Laut Reckwitz stehen sich die drei neuen Klassen fremd gegenüber. Sie wohnen in verschiedenen Vierteln, schicken ihre Kinder auf unterschiedliche Schulen und bleiben bei den persönlichen Beziehungen unter sich. Der
Fahrstuhl-Effekt
der nivellierten Mittelstandsgesellschaft wird abgelöst vom
Paternoster-Effekt.
Die neue Mittelklasse befindet sich auf dem Weg nach oben, die alte Mittelklasse und die neue Unterklasse auf dem Weg nach unten. Konflikte sind da nicht verwunderlich. Ebenso nicht Wahlergebnisse mit Trump als Präsident, dem Brexit oder der AfD als stärkster Partei in Sachsen.