Das Referendum in der Türkei, unabhängig davon, ob es gefälscht oder rechtmäßig war, fordert uns dazu auf, über die doppelte Staatsbürgerschaft nachzudenken. Denn wie kann ich einerseits die Freiheit in Deutschland genießen und dann in der Türkei für die Todesstrafe stimmen? Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, geb. 1965, schreibt dazu (Die Zeit 6.4.17):
„Ich war fünf Monate alt, als ich nach Deutschland kam. Meine Mutter hat mich in dieses Land getragen. Vor 25 Jahren bin ich dann Deutscher geworden. Damals gab es die doppelte Staatsbürgerschaft noch nicht, also habe ich meinen türkischen Pass abgegeben. Ich wollte das auch. Ich wollte Deutscher werden. Letztendlich lief es auf Pathos heraus, eine milde Form von Pathos: Was ist mein Land? Da musste ich mich entscheiden. Und da kann es keine zwei Antworten geben.
Ich kenne keine guten Argumente für die doppelte Staatsbürgerschaft. Du kannst nicht zwei Herren dienen. Und es geht um Gerechtigkeit. Jemand, der hier geboren ist und hier lebt, hat nicht die Möglichkeit zwei Pässe zu haben. Die Töchter und Söhne von Zugewanderten haben diese Möglichkeit. Und das finde ich ungerecht.
Fast alle türkischen oder kurdischen Verbände oder Vereine in Deutschland sind eigentlich Heimatvertriebenenorganisationen. Sie blicken nur auf die Türkei. Seit 30 Jahren reden wir davon, dass man die orientalische Art überwinden muss: Ehrenmorde, Aggressivität, Nationalstolz. Das alles muss im Mülleimer landen. Ich habe keine Lust auf Blickduelle mit Männern. Ich habe keine Lust auf diese aggressive Scheiße. Es gibt bestimmte Spielregeln der deutschen Gesellschaft, und die stehen fest. Und wer sich als beratungsresistent erweist, etwa im Verhalten gegenüber Frauen, dem wünsche ich gute Heimreise.
Ich verstehe nicht, wie Türken, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, die Türkei immer noch als ihre Heimat betrachten können. Erdogan hetzt die Leute auf. Er hat das gesellschaftliche Klima in der Türkei vergiftet, und nun vergiftet er das gesellschaftliche Klima in Deutschland. Es ist ein Kulturkampf. Und er macht in der Türkei gemeinsame Sache mit den Neofaschisten. Im Vergleich zu den Grauen Wölfen ist die NPD ja ein Häschenverein.
Man kann als Türke oder Deutschtürke nicht von der Freiheit in Deutschland profitieren und für die Unfreiheit in der Türkei votieren. Wer das tut, ist feige. Und krank. Wenn man Erdogan-Unterstützer fragt, warum sie für die Verfassungsänderung stimmen wollen, kommen gar keine Argumente. Sie hören sich an wie bezahlte Angestellte des türkischen Tourismusministeriums. Sie kennen die Türkei nur aus Urlauben. Und dieses Urlaubsland wird dann idealisiert. Ich würde diese Leute am liebsten packen und durchschütteln. Was ist eigentlich los mit euch? Was stimmt mit euch nicht?“