1525: Jewgenij Jewtuschenko gestorben

In der kurzen „Tauwetter“-Periode nach Stalins Tod (ungefähr vom XX. Parteitag 1956 bis 1962) in der Sowjetunion hatten die „Sechziger“ ihre Chance. In der Regel junge Literaten und Dichter. Der größte unter ihnen war der 1932 geborene Jewgenij Jewtuschenko, ein Volkstribun, der großmäulige, geschmeidige, strahlend jugendliche Held mit den blitzenden Augen. Er füllte Sportstadien, posierte mit Pablo Picasso und feierte mit Robert Kennedy Geburtstag. Er ist nun in Tulsa/Oklahoma (USA) gestorben.

Im Westen wirkte jemand wie Jewtuschenko fast wie ein Oppositioneller. Das sowjetische System aber blieb intakt, intolerant und misstrauisch.

Boris Pasternak (1890-1960) („Doktor Schiwago“)

durfte den ihm 1958 verliehenen Literatur-Nobelpreis nicht annehmen.

Alexander Solschenyzin (1918-2008) („Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“),

der große Aufklärer des sowjetischen Terrors, wurde in die USA abgeschoben.

Jewtuschenko, ein ehemaliger Fußballspieler, sagte, dass in Russland ein Dichter mehr sei als ein Dichter. Er bewegte sich geschickt zwischen den Fallen des Systems. Der literarische Gehalt seiner Gedichte blieb manchmal hinter der tagesaktuellen Botschaft zurück. Aber er erreichte sowohl in der Sowjetunion als auch im Westen die Massen. 1962 warnte er in seinem Gedicht „Stalins Erben“ vor der Wiederkehr der stalinistischen Diktatur. Wovor er heute warnen würde, wissen wir nicht. Jewtuschenko verurteilte den sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968. Und er lobte Wladimir Dudinzews „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Aus dem Gorki-Literatur-Institut wurde er ausgeschlossen.

1961 erschien sein Gedicht „Babij Jar“ über die Ermordung zehntausender Juden durch die Nazis bei Kiew. Jewtuschenko bekundete seine Solidarität mit dem französischen Hauptmann Alfred Dreyfus, der um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Frankreich fälschlich der Spionage für Deutschland bezichtigt wurde. Intellektuelle unter Führung

Emile Zolas

paukten ihn da raus. Jewtuschenko sprach auf Kuba mit Fidel Castro und in Chile mit Salvador Allende. Ein knallhartes Dissidenten-Leben war das nicht. Anfang der neunziger Jahre zog Jewtuschenko in die USA, wo er an der Universität Tulsa lehrte. Heute lobt ihn der russische Ministerpräsident Dimitrij Medwedjew dafür, dass Jewtuschenko den „Schlüssel zur Seele des Menschen“ gefunden habe. Sein Erbe gehöre zur „russischen Kultur“ (Sonja Zekri, SZ 3.4.17).

 

 

One Response to “1525: Jewgenij Jewtuschenko gestorben”

  1. Gietinger sagt:

    Die 13. Symphonie von Schostakowitsch hat Babi Jar zum „Thema“

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