Persönlich empfinde ich die Sieben-Prozent-Lohnlücke, die es in Deutschland zwischen Männern und Frauen gibt, als
unmoralisch und skandalös.
Denn sie bedeutet ja, dass Frauen bei gleicher Ausbildung und gleicher Arbeit sieben Prozent weniger Lohn oder Gehalt bekommen. Bei diesem Phänomen melden sich stets die Nebelwerfer, Verfälscher und Propagandisten zu Wort, welche die ungleiche Bezahlung rechtfertigen. Sie stammen meist aus dem Kreis der Arbeitgeber- und Industrieverbände und wollen die dadurch mögliche Kostensenkung begründen.
So weit, so schlecht.
Nun legt Thomas Hinz (Konstanz) in der „American Sociological Review“ eine Untersuchung unter dem Titel „Why Should Women Get Less?“ vor, in der er behauptet, dass Frauen ihre Benachteiligung akzeptieren würden. Daniela Gaßmann hat ihn für die FAS (2.4.17) interviewt.
FAS: Wie kommen Sie auf das Ergebnis?
Hinz: Wir haben insgesamt 1 600 Männer und Frauen erst einmal ganz direkt gefragt: „Welche Aspekte sollten bei der Festlegung von Löhnen eine Rolle spielen?“ Die Mehrheit war sich einig, dass das Geschlecht keinen Einfluss haben sollte. Anschließend haben wir den Teilnehmern erfundene Arbeitnehmer vorgelegt, die sich in allen möglichen Eigenschaften unterscheiden, wie dem Geschlecht, der Ausbildung und Vorerfahrung. Außerdem haben wir die Beispielgehälter dieser Personen genannt und gefragt: „Finden Sie dieses Gehalt fair?“ Es zeigte sich, dass das Geschlecht unbewusst doch eine Rolle spielt.
FAS: Wie haben Männer und Frauen geantwortet?
Hinz: Sie konnten abgestuft angeben, ob sie den Lohn fair finden, zu hoch oder zu niedrig. Bei gleicher Qualifikation wurden bei Frauen um sieben bis neun Prozent niedrigere Löhne als bei Männern als gerecht empfunden. Das Interessante daran: Diese Einschätzung wird von beiden Geschlechtern geteilt. Frauen akzeptieren die Benachteiligung.
FAS: Der akzeptierte Unterschied liegt nah an der Sieben-Prozent-Lohnlücke, die wir in Deutschland zwischen Männern und Frauen kennen.
Hinz: Das fiel uns natürlich auch auf und hat sicherlich damit zu tun, dass Gerechtigkeitseinschätzungen auf Erfahrungen basieren. Menschen orientieren ihre normativen Urteile an dem, was sie immer wieder erlebt haben – in diesem Fall also an einem Lohnunterschied von sieben Prozent.
FAS: Gilt das vor allem für die typischen Männerberufe?
Hinz: Nein, gar nicht. Vom Friseur bis zum Manager waren in unseren Experimenten ganz unterschiedliche Berufsgruppen vertreten, die mit ganz unterschiedlichem Status verbunden sind. Bei allen diesen Gruppen wurden die Lohnunterschiede als gerecht empfunden. Der einzige Beruf, für den das nicht galt, waren die Sozialarbeiter, traditionell ein Beruf mit hohem Frauenanteil.
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FAS: Was würden Sie Ministerin Schwesig vorschlagen?
Hinz: Langfristig wäre es für den Abbau von Lohnunterschieden sinnvoller,
mehr Frauen in Führungspositionen
zu bringen. Wenn es mehr Managerinnen und Chefinnen gibt, gewöhnen sich die Menschen daran, dass Frauen in solchen Hierarchieebenen arbeiten. Dadurch würden ihre Löhne automatisch steigen.