1352: Sigmund Freud – ihn entlarven oder retten?

Sehr unterschiedliche Wege beschreiten Ulrike May (FAZ 15.10.16) und Alan Posener (Literarische Welt 15.10.16) bei der Rezension von

Peter André Alt: Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne. München (C.H. Beck), 1.036 S., 34,95 Euro.

Beide lehnen Alts Buch im wesentlichen ab. Aber May doch hauptsächlich um das Ansehen des Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud, und das der Psychoanalyse zu bewahren. Posener um die Psychoanalyse – wieder einmal – als „Pseudowissenschaft“ zu entlarven. Der Streit ist anregend, wo man sich doch zuerst gefragt hatte, was eine neue Freud-Biografie nach den großen von Ernest Jones, Ronald W. Clarke und Peter Gay eigentlich solle.

May schreibt: „Aber vor allem hat Alt eine originelle und kaum haltbare Hauptthese: Freud habe seine Sexualtheorie nur entwickeln können, weil er sexuell enthaltsam gelebt und mit seiner Frau Martha ’nur zum Zweck des Zeugungsvorgangs‘ verkehrt habe. Verkehr allein zur Befriedigung habe er für ‚unnatürlich‘ gehalten, während der Verlobung abstinent gelebt, zeitlebens keine außereheliche sexuelle Beziehung unterhalten, keine ‚ungewöhnlichen Sexualpraktiken‘ ausgeübt, sich die Masturbation verboten und auch nach Marthas Menopause auf Geschlechtsverkehr verzichtet. Nur weil er seine Libido sublimiert habe, gelang ihm eine ‚geistige Erkenntnis des Sexus‘.

Grund der Enthaltsamkeit sei eine ‚panische Angst vor Empfängnisverhütung und dem Coitus interruptus‘ gewesen. Diese Angst habe ihn von der Schwägerin Minna Bernays, die mit im Haushalt lebte, ferngehalten: ‚die einzige Geliebte, mit der er sich abgab, blieb seine Arbeit‘. So schützte er sich vor Verführungen, auch vor Patientinnen, die ihn ’schwer parfümiert‘ und mit ‚üppigem Schmuck‘ behangen zu ‚umgarnen suchten‘. Schließlich: Freud sei wegen seiner sexuellen Enthaltsamkeit oft krank gewesen, habe die Ursache jedoch ignoriert.

Freuds großes Werk beruhe, mit einem Wort, auf einer großen Sublimierung. Was ist das? Eine späte Reaktion auf das Achtundsechziger-Programm der sexuellen Befreiung? Eine neue Frömmigkeit, eine Art veganer Psychoanalyse? Und woher weiß Alt das alles? Er belegt seine These nicht, und sie lässt sich auch nicht belegen, weil wir kaum etwas über Freuds Sexualverhalten wissen. Von einer ‚panischen Angst‘ vor dem Coitus interruptus ist jedenfalls nichts bekannt. Hingegen wissen wir, dass Freud Sexualität ohne Zeugungsabsicht durchaus begrüßte, auch wenn er die damaligen Verhütungsmethoden als störend empfand.“

Posener baut seine Perspektive auf der Tatsache auf, dass Freud ursprünglich (so in einem Vortrag am 21. April 1896) Hysterie als Folge frühkindlichen Sexualmissbrauchs sah. Später hat er die Vergewaltigung durch den Vater als Wunschfantasie der hysterischen Frauen betrachtet, als Ausdruck unerfüllter Inzestwünsche. Dieser Theoriewechsel war in dem Buch von

Jeffrey Masson: Die Abschaffung der Psychotherapie. Ein Plädoyer. München (C. Bertelsmann) 1991, 352 S.,

ausführlich zur Grundlage einer Verdammung der Psychoanalyse genommen worden.

Posener: „Warum also änderte Freud seine Meinung? Masson vermutete eine Beziehung zum Fall der Emma Eckstein, die Freud und Fließ 1895 wegen neurotischer Störungen behandelten und beinahe töteten. Fließ, ein ausgemachter Scharlatan, besaß einen unheimlichen Einfluss auf Freud, der zeitlebens für Geheimwissen anfällig blieb. Fließ glaubte, bei Frauen eine intime Beziehung zwischen der Nase und den Geschlechtsorganen entdeckt zun haben, weshalb sich eine Behandlung der Hysterie durch Herumdoktern an der Nase anbot. Emma Eckstein, die unter starken Vaginalblutungen litt, wurde als Versuchsobjekt auserkoren. Fließ entfernte aus der Nase operativ einige Knochenteile (Emma wurde dauerhaft entstellt) und hinterließ aus Versehen – eine Freudsche Fehlleistung? – ein 50 Zentimeter langes Gazestück, das er zum Tamponieren gebraucht hatte. Der Kunstfehler kostete Emma fast das Leben.

Auch nach der Operation, die Freud als Erfolg deklarierte, litt Emma an starken Vaginalblutungen. Einige Jahre später wurde ein gutartiger Tumor an ihrem Uterus entdeckt. Nach der Entfernung der Gebärmutter genas sie. Freud hat weder seine Fehldiagnosen anerkannt noch die Stümperei seines Freundes kritisiert. Vielmehr meinte er in einem Brief an Fließ, Eckstein habe ‚aus Liebe geblutet‘ – aus Liebe zu ihm, dem Therapeuten. Wie bei den missbrauchten Mädchen machte Freud aus dem Opfer – in diesem Fall seinem Opfer – eine verhinderte Verführerin. Offensichtlich liegt hier ein Muster vor.

Wie geht Alt mit diesem Komplex um? … (Er) folgt den dogmatischen Freudianern, die Jeffrey Masson seine Kritik am Meister nie verziehen haben.

Der Fall ist leider symptomatisch für diese hagiografische Fleißarbeit. Man mag dem Autor zugute halten, dass er als Präsident der Freien Universität Berlin nicht die Zeit hatte, sein Sujet kritisch zu durchdenken. Doch steckt mehr dahinter. Alt ist Germanist, und unter dem Einfluss des Freudianers

Jacques Lacan

und seiner Jünger hat die Germanistik gelernt, dem Autor die Autorität über sein Werk abzusprechen und sie dem Deuter – dem akademischen Literaturkritiker – zuzuerkennen, so wie Freud seinen Patientinnen die eigenen Erinnerungen wegnahm und sie zu Einbildungen umdeutete. Freud kritisieren hieße, dieser Art von

Pseudowissenschaft

den Teppich unter den Füßen wegziehen.

Überflüssig zu sagen, dass Freud selbst das erste Beispiel dieser Pseudowissenschaft lieferte, als er Hamlet einer Analyse unterzog und zum Ergebnis kam, Shakespeares zögerlicher Dänenprinz könne seinen ehebrecherischen und mörderischen Onkel deshalb nicht töten, weil der genau das tat, was Hamlet wollte, nämlich den Vater töten und mit der Mutter schlafen. Tadaah! Genug.“

Liebe Leserinen und Leser: lesen und urteilen Sie selbst!

 

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