Zunächst wollte ich gar nicht über Bob Dylans Literatur-Nobelpreis schreiben. Einmal geschah das überall, mehr oder weniger kundig. Und zweitens bin ich gar kein Fan von Dylan. Aber dann nahm sich mit Tobias Rüther ein richtiger Popmusik-Kenner der Sache an und schrieb in der FAS (16.10.16).
„Nichts gegen Dylan. Es ist auch gar nicht wichtig, wie gut oder schlecht man ihn nun findet. Wie einzigartig seine Stimme. Wie ergreifend seine Texte. Wie radikal seine Hinwendung von der akustischen zur elektrischen Gitarre und zu Jesus und wieder zurück. Wie entscheidend seine Rolle als Chronist amerikanischer Verhältnisse und Chronist ihres Wandels. Wie bewundernswert seine Ausdauer, seine Unbestechlichkeit, seine Unbeirrtheit. All das spielt überhaupt keine Rolle, um den Nobelpreis für Literatur an Bob Dylan für einen Fehler zu halten: Und zwar nicht um der Literatur, sondern um der Popmusik wegen.“
Das saß.
Vorher hieß es erwartungsgemäß: „In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es keinen anderen Poeten gegeben, dem es so wie Dylan gelungen wäre, Träume, Hoffnungen, Verzweiflung so vieler Menschen so rätselhaft eindeutig auszudrücken und zu besingen.“ (Kurt Kister, SZ 14.10.16)
Bundsaußenminister Frank Walter Steinmeier schrieb: „Er formulierte die Fragen an die Erwachsenen, die auch wir stellen wollten, er war für mich wie ein
Willy Brandt
der Rockmusik.“ (Die Welt 15.10.16) Nun ja, ein Außenminister eben.
Die immerwährenden Dylan-Fans verwiesen auf die Bezüge zu Homer, Sappho, Ovid und Skakespeare (Lothar Müller, SZ 14.10.16) oder betonten die Nachbarschaft zu Elvis Presley, Woody Guthrie, Bertolt Brecht, Pete Seeger, Jack Kerouac und Allen Ginsberg (Willi Winkler, SZ 14.10.16) und Dylans Wurzeln im Blues. Einigkeit bestand darin, Dylans ständigen Verstöße gegen das zu betonen, was man von ihm erwartete. Dass Dylan als der Gott der Gegenkultur wahrgenommen wurde. Die wohl tiefste Verstörung erzielte Dylan mit seiner Entdeckung von Jesus. Kam als nächstes aber programmgemäß auf sein fundamentalistisches Judentum zurück. Es kündigte sich früh seine „Never Ending Tour“ an. 2011 wurde ihm sogar ein Oscar zuerkannt.
In der „Welt“ (15.10.16) machte Alan Posener darauf aufmerksam, dass Bob Dylan nie daran geglaubt hatte, dass politische Mauern durch Aktionen eingerissen würden. Er habe nur
opportunistische Ausflüge
ins Genre des politischen Protests unternommen. Ständig habe er sich bemüht, durch seine Perspektivenwechsel seine Fans vor den Kopf zu stoßen. Posener belegt, dass Dylan seine Nähe zu
Lee Harvey Oswald
behauptet habe. Den großen Konsensus im Juste Milieu habe er verabscheut. Bob Dylan feierte in seinen Songs den Boxer Rubin „Hurricane“ Carter, den Gangster Joseph Gallo, die Atomspione Julius und Ethel Rosenberg und Judas Ischariot. „Wenn man also nicht begreift, dass Dylan in einer progressiven Zeit
ein großer Konservativer,
in einer Massenkultur ein großer Einsamer, in einer säkularen Gesellschaft ein Religiöser war, kann man seine Bedeutung nicht ermessen.“ (Alan Posener)
Tobias Rüther begründet, dass die Popmusik einen Literatur-Nobelpreis wirklich nicht nötig hat, dass die Herablassung der Nobelpreis-Jury völlig unangebracht ist. „Doch die Popmusik ist eine Kunstform aus eigenem Recht und mit eigenen Regeln. Daran wird dieser Literatur-Nobelpreis 2016 für den amerikanischen Sänger Bob Dylan nichts ändern. Eine falsche Entscheidung bleibt er trotzdem. Eine Entscheidung, die sich zwar unkonventionell gibt, zeitgemäß und ‚groundbreaking‘ – aber ganz im Gegenteil ein Ausdruck von
Desinteresse
ist, von Unsicherheit und vielleicht sogar von Arroganz. Als wäre Popmusik etwas, das sich noch rückversichern muss.“
Ich habe Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Interviews mit Bob Dylan gesehen, an die ich mich nicht mehr genau erinnere. Nur an eines: dass Bob Dylan von Politik keine Ahnung hatte.