Ein Brexit würde den Finanzplatz London schwächen und Beschränkungen im europäischen Handel mit sich bringen. Das wäre schon schlimm. Weitere Argumente fügt Edgar Klüsener hinzu, der Medientheorie an der Universität Manchester lehrt (SZ 15.6.16).
„Irland ist im Moment de facto vereinigt, zwischen der Republik und dem britischen Nordirland sind alle Grenzen gefallen. Menschen, Waren und Dienstleistungen fließen ungehindert in beide Richtungen und Familienbande verflechten die Republik mit dem Norden und der britischen Hauptinsel. Nach dem Brexit würden die Barrieren zwischen dem EU-Mitglied Irische Republik und dem britischen Nordirland wieder aufgerichtet werden, das Miteinadner in persönlicher wie politischer und ökonomischer Sicht erheblich komplizierter werden. Den Nordiren dämmert das langsam, eine klare Mehrheit darf das Brexit-Lager dort kaum noch erwarten. Wohl aber ein gewalttätiges Wiederaufleben alter Konflikte, die man mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 eigentlich begraben geglaubt hatte.
EU-Bürger zieht es seit Jahrzehnten aus den unterschiedlichsten Gründen ins Vereinigte Königreich. Sie studieren und arbeiten dort, sind Ingenieure und Barkeeper, Ärzte und Krankenschwestern, Fußballer und Ladenhilfen. Andere kamen der Liebe wegen, oder wegen der britischen Pop- und Ravekultur. Was auch immer der Grund war oder ist, eins ist allen gemeinsam:
Man wird schnell heimisch in einer Gesellschaft, die zugleich konservativ und weltoffen ist, die auf Distanz achtet und einen trotzdem willkommen heißt. …
Eine der extremen Brexit-Ideen ist die Theorie, wonach die EU Teil eines deutschen Geheimplans zur Etablierung eines
Vierten Reichs
ist. Die Verschwörungstheorien wuchern im gleichen Maße wie die Fremdenfeindlichkeit. …
Ein Auseinanderbrechen des Landes nach dem Referendum ist zudem eine durchaus realistische Möglichkeit. Schottlands regierende Nationalisten haben bereits unmissverständlich angedeutet, dass im Falle eines Ausscheidens Großbritanniens aus der EU auch die Frage des weiteren Verbleibs Schottlands im Vereinigten Königreich neu gestellt werden müsse. …“