1249: Darf man Luther feiern ?

„Kann man in Deutschland einen Mann feiern, der den Juden wünschte, ‚dass man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anzünde‘? Einen Mann, der Muslimen, Katholiken und aufständischen Bauern Pest, Tod und Teufel an den Hals wünschte? Darf man fröhlich eines Jahrhunderts gedenken, das darin endete, dass ein furchtbarer Krieg samt Seuchen und Hunger ein Drittel der Menschen in Mitteleuropa dahinraffte?

Die Frage wird dieses Jahr akut, denn am 31. Oktober ist es 499 Jahre her, dass Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen gegen den päpstlichen Ablasshandel veröffentlichte. In diesem Wittenberg wird dann Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, gemeinsam mit dem katholischen Christenbruder Kardinal Reinhard Marx ein Jahr des Feierns und Gedenkens eröffnen; am selben Tage empfängt im schwedischen Lund der Lutherische Weltbund Papst Franziskus. Bis zum 500. Jahrestag des legendären Thesenanschlags gibt es Tausende Veranstaltungen, eine große Pilgerfahrt durch Europa, einen Kirchentag in Berlin mit einem Abschlussgottesdienst in Wittenberg mit bis zu 300.000 Gläubigen. Ein ganzes Jahr wird es luthern in Deutschland und der Welt.“ Das schreibt Mathias Drobinski (SZ 10.5.16).

In der Vorbereitung auf das Jubiläum habe die evangelische Kirche viel gelernt. Sie habe sich mit den „abgründigen Seiten des Reformators“ befasst und erkenne in ihm nun doch wohl eher einen „spätmittelalterlichen Menschen“ als einen modernen. Der Reformation werde dieses Mal so

ökumenisch, europäisch, international und aufgeklärt

gedacht wie noch nie zuvor. Luther war eben ein leidenschaftlicher Gottsucher und ein Menschenhasser, der Katholiken, Juden und Andersgläubige ausgegrenzt habe. Das sei bemerkbar bis zu dem Jahr 1983, als sich die Partei- und Staatsführung der DDR Luthers bedient habe, um sich am Leben zu erhalten.

Matthias Drobinski kommt dann ausführlich auf Luthers Verdienste zu sprechen. „Da sind Luthers Bibel und Sprache. Da ist seine Erkenntnis, dass der Mensch als Mensch von Gott angenommen ist, egal, was er leistet. Und auch Luthers Abgründe haben Folgen bis heute. Vergangenen November drückte die Synode der evangelischen Kirche ihre Scham angesichts der jahrhundertelangen kirchlichen Judenfeindschaft aus. Schämen kann sich aber nur, wer, was geschehen ist, vergenwärtigt. Das ist ja der Wert eines kulturellen und auch religiösen Gedächtnisses: …“

Grund zum Feiern besteht also. Als Folge Luthers hat sich in der Neuzeit der Individualismus durchgesetzt, auf den die Menschenrechte 1776 gegründet worden sind.

Sollte man den Papst 2017 nach Deutschland einladen? Das werden sich die Protestanten reiflich überlegen. Denn sie kennen die jugendliche Leidenschaft, mit der manchmal die Katholiken ihre alten Männer (wie Papst Benedekt XVI.) feiern. Da könnte dann doch ein falsches Bild entstehen.

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