Der große Historiker Fritz Stern ist tot. Der 1926 in Breslau geborene und 1938 mit seinen Eltern in die USA ausgewanderte Wissenschaftler hatte als sein Lebensthema die deutsche Geschichte seit dem 19. Jahrhundert. Schon in seiner ersten Veröffentlichung von 1961
„Kulturpessimismus als politische Gefahr“
analysierte er den deutschen Konservatismus und seine Fehler. Die Urheber des Kulturpessimismus Paul de Lagarde, Julius Langbehn und Arthur Moeller van den Bruck waren die Ideengeber der
„konservativen Revolution“.
Stern entstammte einer jüdischen Wissenschaftlerfamilie. Sein Patenonkel war der Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber, der am Ende des Ersten Weltkriegs für Deutschland die neuartigen Chemiewaffen entwickelt hatte. Zeit seines Lebens sprach Fritz Stern eine unverwechselbare Mischung aus schlesischem Zungenschlag und amerikanischem Akzent.
Als Sterns Hauptwerk wird die Doppelbiografie Otto von Bismarcks und seines jüdischen Bankiers Gerson Bleichröder betrachtet. Darin zeigt Stern, dass der eine nicht ohne den anderen hätte erfolgreich sein können. Trotzdem galt der für das deutsche Reich so wichtige Bleichröder vielfach noch als „Hofjude“ und „Börsenjobber“.
Am deutschen Bürgertum kritisierte Fritz Stern „das feine Schweigen“. „Diese aristokratische Weigerung, mit offenem Visier und freiem Wort am Meinungsstreit teilzunehmen, die Neigung, sich lieber zurückzuhalten und den Lauten, Frechen und Fanatischen das Feld zu überlassen, erkannte Stern als das Grundgebrechen einer Gesellschaft, die nie gelernt hatte, liberal nicht bloß zu denken, sondern auch zu leben. Stern war dankbar für jeden Widerständler, den er ehren konnte, aber die Verdrucksheit der besseren Stände, die lieber kulturell übelnahmen als debattierten, blieb ihm, mehr als einzelne Ansichten, ein Hauptfaktor des deutschen Problems im 20. Jahrhundert.“
Im 17. Juni 1953 erkannte Fritz Stern einen Freiheitskampf und die Vorwegnahme der Bürgerrechtsbewegung von 1989, den Kampf für freie Wahlen, die Meinungs- und Reisefreiheit. Fritz Stern hat zur Wiedervereinigung Deutschlands aktiv beigetragen (Gustav Seibt, SZ 19.5.16).
In seinen Erinnerungen „Fünf Deutschland und ein Leben“ (675 Seiten), 2006 erschienen, hat Stern die Weimarer Republik, das dritte Reich, die Bundesrepublik, die DDR und die Berliner Republik Revue passieren lassen und mit sich selbst in Beziehung gesetzt. Ein großartiges Buch auch für Nicht-Historiker. Fritz Stern war Bürger der USA und ein nüchterner und zugleich glühender deutscher Patriot.