1064: Im Islam sind die Reformgegner das Problem.

Mouhanad Khorchide bildet an der Universität Münster angehende muslimische Theologen und Islamlehrer aus. Für ihn sind die Reformgegner im Islam das Problem. Arnfried Schenk hat ihn für die „Zeit“ (15.10.15) interviewt.

Zeit: In Ihrem neuen Buch („Gott glaubt an den Menschen.“) gehen Sie mit diesen Reformverweigerern hart ins Gericht …

Khorchide: Sie sagen, der Islam sei abgeschlossen, wir müssen nichts mehr neu denken. Sie geben auf

Fragen des 21. Jahrhunderts

Antworten aus dem 9. Jahrhundert –

die sie eins zu eins übernehmen. Der Islam als Religion ist aber nicht vom Himmel gefallen. Der Koran ist das Wort Gottes, ja. Doch der Islam unterliegt einem Prozess der ständigen Auslegung. Will er eine universale Religion sein, für alle Zeiten, dann muss er entsprechend auf den Wandel der Gesellschaften reagieren, ohne dabei seine Prinzipien aufzugeben. Das eigentliche Problem des Islams sind nicht die Extremisten, die sind nur Symptome. Das Problem sind die Reformverweigerer.

Zeit: Auch der Islamkritiker und Publizist Hamed Abdel-Samad widerspricht Ihnen. Er beschreibt den Islam als unreformierbar und Mohammed als Psychopathen.

Khorchide: Er zeichnet ein sehr selektives, negatives Bild des Propheten. Aus denselbelben Quellen, die er zitiert, kann man einen sehr barmherzigen Mohammed zeichnen – und sich für dieses Prophetenbild starkmachen. Wir haben im Islam keine Kirche , keine Institution, die von oben sagt: So ist es. Das obliegt dem Diskurs – die Lesart, die sich durchsetzt, ist die gültige. Daher bemühe ich mich um die theologische Begründung eines humanistischen und barmherzigen Islams.

Zeit: Wollen Sie einen Großteil der Werke der islamischen Rechtsgelehrten über Bord werfen?

Khorchide: Nein. Aber wird dürfen ihre Aussagen nicht unhinterfragt als göttliche Wahrheit für alle Zeiten übernehmen. Nicht wenige davon rechtfertigen zum Beispiel Gewalt und die Versklavung und Vergewaltigung von Frauen. Positionen, auf die sich heute der IS beruft. Wir müssen wieder mehr auf Mündigkeit und Vernunft setzen.

Zeit: Setzt jetzt ein Wettrennen um das Denken dieser Muslime ein? Angeblich wollen die Saudis 200 Moscheen in Deutschland bauen.

Khorchide: Das ist natürlich genau das, was die Flüchtline und unsere Gesellschaft nicht brauchen. Wir müssen sie schnell in unser Bildungssystem einbinden. Auch die einheimischen Salafisten werben rege. Da dürfen wir nicht zusehen. Wir Theologen müssen bei den Flüchtlingen für unser Islamverständnis werben. Für einen barmherzigen Islam, der sich mit unseren demokratischen Grundwerten vereinbaren lässt.

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