1061: Die Großmufti-Theorie

Als der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu vor seinem Deutschland-Besuch behauptete, Hitler habe den Beschluss zur „Endlösung“ erst gefasst, nachdem er vom palästinensischen Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, dazu „ermutigt“ worden sei, bezog er sich auf Thesen, die in der Anfangsphase Israels verbreitet waren. Es wurde der Versuch gemacht, Husseini zum Kriegsverbrecher zu stempeln, der vor das Nürnberger Tribunal gehört hätte. Nach Meinung des israelischen Historikers Tom Segev sind diese Thesen auch heute noch in Israel verbreitet. Netanjahu hatte sich 2012 schon einmal auf sie bezogen.

Historisch verbürgt ist ein Treffen Hitlers mit al-Husseini am 27. November 1941 in Berlin. Husseini residierte in einer „arisierten“ Villa. Er war ein scharfer Antisemit. Die Nazis hofften auf ein Bündnis mit ihm. Der Chefideologe Alfred Rosenberg lobte die „heftige geistige Angriffsstimmung in den islamischen Zentren“. Die Entscheidung zur „Endlösung“ aber war lange gefallen. SS-Führer Reinhard Heydrich hatte im Mai 1941 in Mord-Befehlen in Polen mehrfach von der „Endlösung“ gesprochen. Hitler gab al-Husseini im November seine Absicht bekannt, „die Judenfrage zu lösen“.

Die leitende Historikerin der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Dina Porat, sagte, es sei historisch „nicht wahr“, dass Hitler den Beschluss zur Judenvernichtung erst auf Grund des Gesprächs mit dem Großmufti gefasst habe. Israels Oppositionsführer Isaac Herzog sprach von Geschichtsverdrehung. Der Leiter der vereinigten Liste arabischer Abgeordneter in Israel, Ayman Oleh, warf Netanjahu vor, er wolle „die Geschichte neu schreiben, um gegen das palästinensische Volk zu hetzen“. (Ronen Steinke, SZ 22.10.15)

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