Die Pädagogik, also die wissenschaftliche Beschäftigung mit Lehr- und Lernprozessen, hat hier und da permanent einen sehr schlechten Ruf. U.a. wird ihr eine zu große Anpassung an den Untertanengeist im Kaiserreich, an den Rassismus im Nationalsozialismus und an den weltanschaulichen Dunst in der DDR vorgeworfen. Das ist in einigen Fällen gewiss übertrieben, andererseits manchmal berechtigt. Auch in der alten Bundesrepublik gab es bizarre pädagogische Projekte.
Veronika Hackenbroch demonstriert das an der mutwillig herbeigeführten Rechtschreibkatastrophe (Der Spiegel 41/2015). Sie kam zustande, weil der bewährte Rechtschreibunterricht abgeschafft und durch die Methode „Lesen durch Schreiben“ ersetzt wurde. Dabei sollen Erstklässler nach Gehör eigene Texte verfassen und dadurch Lesen lernen. Rechtschreibung spielt dann erst in der zweiten oder dritten Klasse eine Rolle. Dieser Schwachsinn hat sich weithin durchgesetzt. Er kommt Lehrern entgegen, die selbst keine Rechtschreibung können.
Hackenbroch: „Müssen Lehrverfahren nicht in wissenschaftlich hochwertigen Studien auf ihre Wirksamkeit getestet werden, so wie neue Medikamente? Und zwar bevor sie flächendeckend auf die Kinder losgelassen werden? Leider nein.“ Die Verfechter des schwachsinnigen neuen Schreibenlernens halten Studien, die das Desaster belegen, entgegen: „Heute sind andere Fähigkeiten wichtiger.“ Wer in Studien messe, was Kinder tatsächlich könnten, werde der „Grundidee von Bildung“ nicht gerecht.
Dieser Schwachsinn ist völlig unverantwortlich. Wem nützt die „Grundidee von Bildung“, wenn er auf der weiterführenden Schule scheitert, weil er nicht richtig schreiben gelernt hat? Gar nicht zu denken an ein Studium. Schon zu meiner Zeit hätten wir Kurse „Deutsch für Deutsche“ gebraucht. Wie will jemand, der kein Deutsch kann, eine andere Sprache lernen? Wie will jemand, der seine eigene Sprache nicht beherrscht, Fremde, etwa Flüchtlinge, verstehen?