1011: Lehrerpersönlichkeit kann man nicht lernen.

Dirk Stötzer war Lehrer, Beschwerdemanager und Schulleiter. In seinen Augen ist die Lehrerpersönlichkeit für die Qualität unseres Bildungssystems ausschlaggebend. Er hat gemeinsam mit Beate Stoffers ein Buch geschrieben

Superlehrer, Superschule, supergeil: Der beste Beruf der Welt. Goldmann Verlag, 352 S., 12,99 Euro.

Julia Schaaf hat Stötzer für die FAS (23.8.15) interviewt.

FAS: Was ist mit den Dauerkranken, Schlechtgelaunten, Totalgestressten? Ihr Buch legt nahe, dass solche Lehrer nicht Opfer widriger Rahmenbedingungen sind, sondern die falsche Persönlichkeit mitbringen.

Stötzer: Das ist aus meiner Sicht ein Hauptproblem. Die Lehrerpersönichkeit ist entscheidend. Wir reden in der Ausbildung viel zu viel über Methodenvielfalt. Dabei kommt es letztlich darauf an, wie jemand vorne vor der Klasse steht. Ein Lehrer muss den Schülern vermitteln: Ich weiß mehr als ihr; ihr könnt von mir lernen. Und wenn er die Schüler dazu bringt, dass sie das auch wollen, ist der große Schritt getan. Ich habe vielen Referendaren beim Staatsexamen gesagt: Überlegen Sie sich das noch mal. Halten Sie das wirklich 40 Jahre durch? Oder sind Sie vielleicht nach sechs, sieben Jahren ausgebrannt und werfen hin?

FAS: Warum?

Stötzer: Wenn Lehrer diese gewisse Ebene mit den Schülern nicht finden, müssen sie in jeder Stunde 150 Prozent geben, um überhaupt vernünftigen Unterricht machen zu können. Die versuchen dann mit Strenge und Strafen durchzusetzen, was ihnen an Führungspersönlichkeit fehlt. Das ist unheimlich anstrengend. Und ich habe viele Kollegen gesehen, die irgendwann deshalb zusammengebrochen sind. Wer in dem Job nicht glücklich ist und leidet, endet als Wrack.

FAS: Der renommierte Bildungsforscher John Hattie sagt: Das Wichtigste für den Lernerfolg der Kinder ist ein guter Lehrer.

Stötzer: Das habe ich lange vor Hattie gesagt. Das Problem ist nur: Persönlichkeit kann man nicht lernen. Die Persönlichkeitsentwicklung ist abgeschlossen, wenn Lehrer ins Referendariat kommen. Deshalb müsste man sich vorher fragen: Bin ich der Richtige für den Lehrerberuf?

FAS: Verdienen Lehrer zu wenig?

Stötzer: Nein. Die Lehrerbesoldung ist auskömmlich. Wenn eine Krankenschwester klagt, die mit Schichtdienst und allem 1200 Euro nach Hause bringt, kann ich das verstehen. Nicht bei einem Oberschullehrer, der 4700 Euro brutto verdient.

FAS: Sie haben auch eine Checkliste, um die eigene Persönlichkeit für den Lehrerberuf zu testen. Worauf kommt es besonders an?

Stötzer: Dass man Kinder mag. Überraschungen vertragen kann. Nicht zu lärmempfindlich ist. Und Humor. Eine Unterrichtsstunde, in der nicht mindestens einmal gelacht wird, ist eine schlechte Stunde.

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