1006: G.A. Bürgers Briefe – persönlich bis zum Äußersten

Für Göttingen ist Gottfried August Bürger (1747-1794) wichtig. Ein Aushängeschild. August Wilhelm Schlegel war der Meinung, allein seine Ballade „Lenore“ werde Bürger „die Unsterblichkeit sichern“. Trotzdem ist der Dichter heute weithin vergessen. Auch wenn er z.B. noch die Lügengeschichten des Barons von Münchhausen geschrieben hat, dessen Prahlereien erst Bürger auf den Nebenbeiton „augenzwinkender Schnurrpfeifereien“ stimmte.

Bürger wurde 1747 im Pfarrhaus in Molmirswende geboren und starb 1794 vereinsamt und verarmt in Göttingen. Er hatte sechs Semester Theologie in Halle studiert und sein Rechtsstudium in Göttingen abgebrochen. Seit 1772 verdiente er sein Brot als Amtmann am von Uslar’schen Patrimonialgericht Altengleichen bei Göttingen. Sein Lebenswandel zunächst mit zwei Schwestern und dann nach einem Huldigungsgedicht und öffentlichen Heiratsantrag 1792 mit der Scheidung von einer jüngeren Frau, die ihn in Göttingen hemmungslos betrog, ist es wohl auch gewesen, der Bürger literarisch das Genick gebrochen hat. Denn die Herren Schiller und Goethe sind es gewesen, die G.A. Bürger als „liederlichen“ Dichter abqualifizierten, dem es an „sittlicher Maßbeschränkung“ mangele (Schiller) und der nicht gesellschaftsfähig sei in der Republique des lettres (Goethe). Insbesondere Friedrich Schiller, der „Moraltrompeter von Säckingen“, wie Friedich Nietrzsche ihn nannte, hat Bürger wohl auch als Konkurrenten gefürchtet.

Nun haben Ulrich Joost und Udo Wargenau den ersten Band von Bürgers Briefen (eine vierbändige Ausgabe ist auf fast 1800 Exemplare geplant) herausgegeben.

Gottfried August Bürger: Briefwechsel. Bd. 1: 1760-1776. Hrsg. von Ulrich Joost und Udo Wargenau. Göttingen (Wallstein) 2015, 1008 Seiten, 69 Euro.

Darin zeigt sich uns Gottfried August Bürger als bewegter und von starken Gefühlen geprägter Mensch, der in seinen Briefen kein Blatt vor den Mund nahm und seine Seele nach außen kehrte. Hier wandte er die gleichen Stilmittel an, welche auch die starke Wirkung seiner Balladen ausmachten. Bürger arbeitete an den Briefen, verbesserte und polierte. Das zeigt sich gerade im Austausch mit den Mitgliedern des Göttinger Hainbunds. „Bürger ist in seinen Briefen persönlich bis zum Äußersten.“ Und obwohl Bürger ab 1784 als Göttinger Privatdozent für Poetik und Ästhetik auch bei den akademischen Kollegen nicht salonfähig war, fasziniert sein Briefwechsel. Georg Christoph Lichtenberg schätzte ihn. Mit seinen Freunden tauschte er sich überschäumend aus, bei seinem Verleger Christian Dietrich gab er sich unverblümt. Bei zeitgenössischen Geistesgrößen schrieb er launig und burschikos (Walter Schübler, FAZ 7.8.15).

Und es war Heinrich Heine, der Gottfried August Bürger den ihm gebührenden Platz zuwies: „Der Name Bürger ist im Deutschen gleichbedeutend mit dem Wort citoyen.“

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