Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird 65 Jahre alt. Elena Adam und Matthias Drobinski haben dazu den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, befragt (SZ 13.7.15).
SZ: Warum werben Sie nicht mehr für sich? Es gibt viele junge Deutsche, die sich fürs Judentum interessieren.
Schuster: Juden missionieren nicht. Wer zum Judentum übertreten will, muss dies aus eigenem Antrieb tun. Und mit unserer Jugendarbeit wollen wir vor allem jüdische Jugendliche erreichen. Wenn dabei David und Mirjam zueinander finden, freuen wir uns. Dass David und Christine ein Paar werden, ist nicht unser Ziel.
SZ: Was wäre denn daran so schlimm?
Schuster: Von religiöser Seite her ist eine Mischehe nicht das, was wir anstreben. Die meisten Eltern wünschen, dass ihre Kinder jüdisch heiraten. Denn nach der Halacha, den jüdischen Religionsgesetzen, ist nur jüdisch, wer eine jüdische Mutter hat. Wir lehnen ja nicht die Menschen in Mischehen ab. Aber fördern tut das der Zentralrat nicht.
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SZ: Helfen .. Stolpersteine? Charlotte Knobloch, Präsidentin der Münchener Gemeinde, fürchtet, das Andenken an die Toten könnte mit Füßen getreten werden.
Schuster: Ich bin von der Idee der Stopersteine überzeugt, betone aber auch: Es gibt beim Gedenken keinen Alleinvertretungsanspruch. Wenn man sich in München auf Tafeln oder Stelen verständigt, ist das auch gut. Aber ich beobachte das hier in Würzburg vor dem Kaufhof, dem früheren Kaufhaus Ruschkewitz. Dort liegen jetzt Stolpersteine. Wie oft bleiben da Leute stehen, die an alles Mögliche gedacht haben, nur nicht daran, plötzlich mit den Ermordeten konfrontiert zu werden. Die Steine sollten allerdings nicht für Überlebende verlegt werden. Oder Nazi-Bezeichnungen wie ‚Rassenschande‘ übernommen werden.
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SZ: Wie viel Nähe oder Ferne zu Israel soll der Zentralrat haben?
Schuster: Israel ist unsere Lebensversicherung. Jeder Jude hat dort ein Einwanderungsrecht. Hätte es Israel 1933 bis 1945 gegeben, wäre es nicht zu dem gekommen, zu dem es gekommen ist. Aber wir sind auch nicht die Auslandsvertretung der israelischen Regierung.
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SZ: Wird der Zentralrat noch lange Zentralrat der Juden in Deutschland heißen?
Schuster: Ich bin davon überzeugt, dass der Tag für den ‚Zentralrat der deutschen Juden‘ kommen wird. Wann – da bin ich kein Prophet.