988: Büchner-Preis für Rainald Goetz – spät und sensationell

Je länger der Büchnerpreis, der wichtigste deutsche Literaturpreis, Rainald Goetz vorenthalten wurde, desto unglaubwürdiger machte sich die Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Goetz zählt zum Typus des nervösen Gegenwartschronisten mit theoretischem Überbau, dessen Intelligenz eigentlich zu ungeduldig ist, um Romane zu schreiben. Goetz hat es zweimal aber doch erfolgreich getan, 1983 mit

„Irre“

und 2012 mit

„Johann Holtrop“.

Der Typ des intellektuellen Schriftstellers wird in Deutschland hauptsächlich von

Hans Magnus Enzensberger und Alexander Kluge

verkörpert. Und Enzensberger hat den Büchner-Preis schon …

Die Verleihung des Preises an Goetz (geb. 1954 in München) kommt spät, ist eine Sensation und gleicht einem Befreiungsschlag. Goetz war einer der ersten, welche die mediale Verfasstheit der Wirklichkeit zum Ausgangspunkt ästhetischer Überlegungen machten. Gegen die Innerlichkeitsprosa der frühen achtziger Jahre setzte er auf

Punk und Pop.

In „Irre“ reflektiert Goetz, der Dr. med. und Dr. phil., den psychiatrischen Kliniksalltag seines Alter Egos Raspe nach der „bleiernen Zeit“. Seine Rasierklingen-Inszenierung beim Bachmann-Preis in Klagenfurt deutete Marcel Reich-Ranicki als Unbedingtheit dieses Talents (Christopher Schmidt, SZ 9.7.15). In „Johann Holtrop“, dieser Parabel der New Economy, karikierte Goetz Thomas Middelhoff, den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Bertelsmann und Arcandor. Er sitzt mittlerweile im Knast und gilt als insolvent. Welch treffendes Bild unserer Gesellschaft.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.