Der Politologe Herfried Münkler, 63, der an der Humboldt-Universität in Berlin lehrt, hat den Begriff der
„Asymmetrie des Krieges“
geprägt. In einem Interview mit Julia Encke in der FAS (12.4.15) beschäftigt er sich mit der
postheroischen Gesellschaft,
dem Drohnenkrieg und
der hybriden Kriegsführung.
FAS: Einer der bekanntesten Kritiker von Drohneneinsätzen ist der französische Philosoph Grégoire Chamayou. In seinem Buch „Ferngesteuerte Gewalt“ verurteilt er, dass der Soldat zum Scharfrichter werde, einer „Ethik von Henkern und Vollstreckern“ folge, „nicht mehr von Kämpfern“. Ist das nicht ein ziemlich veraltetes Soldatenbild?
Münkler: Man hört bei Chamayou noch mal die Hacken knallen. Es ist eine Kriegerethik, mit der er argumentiert. Das ist schon verwegen, weil wir nun mal eine postheroische Gesellschaft sind, gekennzeichnet durch zwei Elemente.
Eine niedrige demographische Reproduktionsrate. Es gibt nicht mehr die überzähligen jungen Männer fürs Schlachtfeld.
Und die Vorstellung des Sich-selbst-Darbringens auf dem Altar des Vaterlandes ist uns völlig fremd.
Wir beobachten eine Verpolizeilichung des Krieges. Es werden Ziele verfolgt, die als Investitionen in die Zukunft des Interventionsgebietes bei Minimierung eigener Verluste zu verstehen sind. Insofern argumentieren die Kritiker der Drohne mit dem Ethos des 19. Jahrhunderts gegen die Waffen des 21. Jahrhunderts. Hegel hat die Waffen als „das Wesen des Kämpfers“ bezeichnet – Drohnen sind die typischen Waffen der postheroischen Gesellschaft. Da gibt es kein Kriegsethos und keine Ästehtik des Kampfes. Es gibt lediglich die Effektivität der Gefechtsfeldbewirtschaftung.
…
FAS: Diese hybriden Formen der Kriegsführung, von denen Sie sprechen, diese Mischung aus politischer Täuschung, militärischem Eingreifen, Propaganda, haben mit Symmetrie und Asymmetrie eigentlich nichts mehr zu tun, oder?
Münkler: Nein, wir kommen nicht mehr in die Zeit der Symmetrie zurück, wo sich zwei Helden verabredet haben, um herauszubekommen, wer im Kampf der bessere Mann ist. Diese Zeiten sind vorbei. Wir wollen aber nicht vergessen, dass es in unseren postheroischen Gesellschaften eine Reihe von Leuten gibt, die diese Gesellschaft langweilig und spießig finden und nach Syrien zum IS gehen,um dort die Wahrheit des Lebens oder den Reiz des Opfers zu erfahren.
FAS: Wie reagiert man auf diese neuen, hybriden Formen der Kriegsführung?
Münkler: Wir müssen realisieren, dass die Vorstellung, die in den 1990er Jahren von
Jürgen Habermas,
Ulrich Beck und anderen
vertreten worden ist – nämlich: Wir setzen den Frieden und die Prosperität im globalen Maßstab durch -, gescheitert ist. Der
hybride Krieg
ist längst ein ständiger Begleiter unseres Friedens geworden.