869: Anekdotische Beweisführung

Der Londoner Evolutionsbiologe Armand Marie Leroi begründet, dass sich die „digitalen Geisteswissenschaften“ gegen die klassischen Geisteswissenschaften durchsetzen werden (SZ 7.3.15). Heute schon fühlten sich die „alten“ Geisteswissenschaftler im „Land des Lernens“ als Bürger zweiter Klasse. Sie würden von der Wissenschaftspolitik zunehmend vernachlässigt.

Für diese traditionellen Geisteswissenschaften gelte die „anekdotische Beweisführung“. Dort würden Behauptungen über den Ursprung, das Schicksal oder die Bedeutung eines Werks aufgestellt. Sie würden mit Zitaten untermauert und am Kanon überprüft. Und dann würde ein Code-erfahrener Student den Kanon und tausende Texte mehr herunterladen, die Algorithmen darüberschicken, statistische Werte erstellen und zeigen, dass die analoge Beweisführung falsch sei. Der Student betreibe

Science

im Gegensatz zu den traditionellen

Humanities.

Die digitalen Geisteswissenschaftler könnten sowohl Cicero erforschen als auch in Python programmieren.

Leroi schreibt, dass Quantifizierung auf allen Feldern triumphiert habe, in den Natur- wie in den Sozialwissenschaften. Und sie werde es auch in den traditionellen Geisteswissenschaften tun. Es gehe dabei gerade um Theorien. So hätten Biologen um biologische Vielfalt zu erklären eine Evolutionstheorie erschaffen, deren Grundlagen in der Mathematik lägen und auf die man sich ganz allgemein geeinigt habe. Die Theorie werde sich nicht in Wörtern ausdrücken, sondern in Gleichungen. Dagegen gäbe es in den traditionellen Geisteswissenschaften nur eine Folge nicht miteinander vergleichbarer Interpretationen und Einzelstudien. Das reiche nicht, um das große Ganze zu erklären.

„Es gibt einen großen Unterschied zwischen Dingen, die Menschen erschaffen haben, und Dingen, die die Natur geschaffen hat: Erstere bedeuten etwas, letztere nicht. Deswegen sind die Geisteswissenschaftler voller Kritiker, die Naturwissenschaften nicht: Kritiker erklären uns, was ein Werk bedeutet.“

Aber wer versteht die Gleichungen zur Welterklärung? Und was haben wir davon?

Der Literaturkritiker

Harold Bloom

schrieb 1973: „Was ist denn die Erforschung der Intertextualität anderes als eine mühsame Industrie der Quellenjagd, des Anspielungs-Zählens, eine Industrie, die sowieso bald ihre Apokalypse erleben wird, wenn Computer die Arbeit der Gelehrten übernehmen. … Ich bin ein epikuräischer Literaturkritiker, der sich auf Empfindungen, Wahrnehmungen und Eindrücke stützt.“

Vielleicht lassen wir einfach die Wissenschaft Wissenschaft sein und genießen (unwissenschaftlich) das, was unserem Genuss zur Verfügung steht?

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