Der berühmte US-Ökonom Jeremy Rifkin, 69, hat eine neue Weltordnung für sich und uns entdeckt. Der Kapitalismus habe sich zu Tode gesiegt. Guido Bohsem und Claus Hulverscheidt haben ihn für die SZ (16.9.14) interviewt. Ihre Fragen drucke ich hier nicht ab, weil Rifkin stets im Monolog spricht und kaum auf die Fragen eingeht.
Rifkin: „Worauf Sie doch hinauswollen, ist die Frage, ob eine Gesellschaft des Teilens funktionieren kann. Ich sage: Ja, denn die Mentalität der Menschen ändert sich. Die Gesellschaft des Teilens ist die erste echte wirtschaftliche Revolution seit der Entstehung des Kapitalismus. Noch ist sie nur schemenhaft zu erkennen, noch verschwimmen die Grenzen zwischen dem alten und dem neuen System, aber sie wird kommen. Was völlig neu ist: Viele Dinge lassen sich heute von Grenzkosten nahezu null produzieren. Das bedeutet: Zieht man die festen Kosten ab, kostet die Herstellung der jeweils nächsten Einheit praktisch nichts …
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Niemand hat sich das vorstellen können, dass der Wettlauf um höhere Produktivität einmal so weit gehen würde, dass Güter und Dienstleistungen am Ende Grenzkosten nahe null verursachen – und damit auch der Verkaufspreis bei nahe null liegt. Das hat gewaltige Folgen, denn das bedeutet de facto, dass sich der Kapitalismus zu Tode gesiegt hat. … Im 21. Jahrhundert werden sich das Kommunikationsinternet, ein völlig neues Energienetz und das gerade entstehende GPS-gestützte, zunehmend fahrerlose Logistiknetz zu einem neuen Super-Internet verbinden, dem ‚Internet der Dinge‘. …
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Sehen Sie sich doch die Entwicklung seit Erfindung der Musik-Tauschbörse Napster Anfang des vergangenen Jahrzehnts an. Mit Musikstücken, Zeitungen, Büchern, klassischem Fernsehen und solchen Dingen werden sie nie wieder Geld verdienen können. Hunderte Millionen junger Menschen teilen heute ihre Musik, laden ihre eigenen Videos hoch, schreiben unentgeltlich Blogs – all das Grenzkosten nahe null. Und es geht weiter: Neuerdings gibt es Millionen Studenten, die nicht mehr zur Universität gehen, sondern unter der Anleitung renommierter Professoren in kostenlosen sogenannten Online-Massenseminaren lernen. …
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Zunächst einmal haben wir es Google, Facebook und Twitter zu verdanken, dass wir heute weltweit Informationen praktisch kostenlos austauschen können. Aber wir zahlen dafür einen Preis: Sie haben unsere Daten. … Wir brauchen auf Dauer so etwas wie eine weltweit tätige Regierungsbehörde. Dagegen werden sich die Unternehmen wehren, aber ich bin zuversichtlich: Auch die Plattenfirmen haben sich mit Macht gegen die Zerbröselung ihres Geschäftsmodells gestemmt – und dennoch verloren. …
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Uber (das neue Taxi-Unternehmen, W.S.) sieht auf den ersten Blick aus wie der Inbegriff des kapitalistischen Weltkonzerns. Aber glauben Sie mir: Das Gegenteil wird der Fall sein. Es ist nämlich nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen, die heute für Uber fahren, keine Lust mehr haben, einen Teil ihres Geldes in die USA zu überweisen. Was also werden sie tun? Sie werden ein eigenes Netz aufbauen. Das ist doch überhaupt kein Problem. Die Technik ist da, GPS ist da, Bankkredite sind da. Ich weiß, dass solche Gespräche in Berlin, in Hamburg und anderswo längst laufen.
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Der Kapitalismus wird ja in manchen Bereichen weiterexistieren. Und es wird auch weiter Beschäftigung geben. Auch wenn jemand in einer gemeinnützigen Organisatioin wie etwa einer Schule Geld verdient, muss er weiter Einkommensteuer zahlen.
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