Fragen Sie mal jemand, welches Buch er/sie gerade liest. Das setzt sehr viele unter Druck, weil sie zur Zeit überhaupt kein Buch lesen. Kennen Sie jemand, der Ihnen noch ganze, durchformulierte Briefe schreibt? Dies sind kleine Anzeichen dafür, dass der große, alles verschlingende Analphetismus kommt. Markus Günther (FAS 25.5.14) beschäftigt sich mit dem Phänomen.
Keineswegs argumentiert er nur kulturkritisch, wenn er auf die Möglichkeiten zu sprechen kommt, dass Sie heute schon bei Ihrem Smartphone nicht mehr schreiben können müssen, sondern dort hineinsprechen. Auch nicht mehr lesen können müssen, sondern sich daraus vorlesen lassen. Günther lobt durchaus die Ersetzung von ellenlangen Gebrauchsanweisungen durch Videos. „Piktogramme, Blink- und Piepsignale zeigen dem Pommes-Frites-Brater im Schnellrestaurant genau, was er zu tun hat. Aber auch ein guter 90-Minuten-Lehrfilm über die Bauchspeicheldrüse trägt mehr zur medizinischen Ausbildung bei als ein dreitägiges Studium des entsprechenden Lehrbuches. Audiovisuelle und interaktive Didaktik sind der Textlektüre in vielen Bereichen überlegen. Auch das wird die Schriftkultur weiter zurückdrängen.“
Unsere Schriftsprachen sind zwar Jahrtausende alt, doch von den letzten 150 Jahren abgesehen, waren sie immer nur einer kleinen Oberschicht zugänglich. In seinem berühmten Buch
„The Disappearence of Childhood“
hat Neil Postman darauf aufmerksam gemacht, wie sehr das Lesen- und Schreibenkönnen erst zur Entstehung der Kindheit beigetragen hat (diejenigen, die es konnten, nannte man die Erwachsenen) und wie die audiovisuelle Fernsehkultur zum Verschwinden der Kindheit beiträgt. Das Kind und der Großvater vor dem Fernseher und angesichts audiovisueller Medien werden gleich. Sie sind gleich angezogen. Etc.
Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, der starke Formulierungen bevorzugt, sagt uns: „Die Welt ist in (wenige) Programmierer und (allzu viele) Programmierte zerfallen. Die Programmierer können noch lesen und schreiben, wenn auch nur Quellcode. Die Analphabeten sitzen in meinen Seminaren.“ Das ist der Anfang des Niedergangs der alphabetisierten Welt. Die Schönheit und Struktur der Literatur verschwindet. Auf dem Vormarsch sind die, wie ich sie nenne, einfachen Rechenknechte. Maschinenbauer, Ingenieure, IT-Spezialisten. Die aber Georg Büchner nicht mehr kennen. Muss man den kennen?
Markus Günther nimmt kein Blatt vor den Mund: „Man muss weder Marxist noch Volkswirt sein, um zu verstehen, dass der Kapitalismus an gebildeten Menschen kein Interesse haben kann. Er bemisst die Qualifikation der Menschen funktional und nicht kulturell.“
Große Teile der Pädagogik folgen sogleich, wie immer, wenn es um die Banalisierung von Lernen geht. Sie schaffen Handschrift und Rechtschreibung ab. Dazu treten das Abitur nach acht Jahren und der Bachelor-Studiengang. Dann haben wir den Salat. Die stärksten Befürworter dieser Entwicklung sind wohl diejenigen, die wahrscheinlich zu Recht von sich den Eindruck haben, dass in ihren eigenen Köpfen nicht allzu viele Möglichkeiten stecken.
„Ray Bradbury hat in ‚Fahrenheit 451‘ eine Horrorwelt vorausgesehen, in der Bücher verboten sind. Da er sich 1953 als Trägermedium nur Papier vorstellen konnte, bekämpfen bei ihm die Herrscher, die Angst vor den denkenden Bürgern haben, jedes Buch und jede Zeitung mit dem Einsatz von Flammenwerfern. Vor 60 Jahren war das schön schaurig, aber so unrealistisch wie eine Reise in der Zeitmaschine. Heute kommen wir der Welt Bradburys, in der die Masse dumm gehalten, zur reinen Funktionalität erzogen und zugleich mit Unterhaltung fortwährend betäubt wird, bedrohlich nahe.“