Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad nimmt in einem Interview mit Evelyn Finger (Zeit 18.8.22) ausführlich Stellung zum Fall Salman Rushdie:
„Ich habe keine Lust mehr, wegen meiner Kritik an meine Herkunftsreligion als Islamfeind beschimpft zu werden. Vor allem möchte ich nicht mehr auf offener Straße, trotz Polizeibegleitung bepöbelt werden. In Berlin und anderen europäischen Großstädten passiert mir das regelmäßig, in Beirut nicht. Meine Frustrationstoleranz ist aufgebraucht.“
„Es sind immer junge muslimische Männer, so zwischen 19 und 25 Jahren, die mich bedrohen, und ich ahne, woher ihre Wut kommt. Sie leben mit Schuldgefühlen, weil ihre Familien oft aus Konfliktregionen stammen, aber im Westen in Frieden leben. Über die neuen Medien sehen sie die Konflikte in der alten Heimat, an denen angeblich der Westen die Schuld trägt – und das lädt sie mit Zorn auf.“
„Militante Islamisten manipulieren die Gefühle junger Menschen, indem sie sagen: Du bist nicht ohnmächtig, sondern Instrument göttlicher Gerechtigkeit. Du kannst dich auszeichnen durch eine edle Tat.“
„Mich macht wütend, wenn es im Westen heißt, islamistische Attentäter seien nur einzelne Spinner, auch dürfe man religiöse Gefühle nicht verletzen. Das ist keine Toleranz, sondern Heuchelei – sie schafft Rückzugsräume für autoritäre Subkulturen. Westliche Politiker und Intellektuelle haben Rushdie im Stich gelassen, weil sie nicht zur Meinungsfreiheit stranden. Als der Showmaster Rudi Carell einmal ein Bild von Ayatollah Chomeini einmal mit Unterwäsche bewarf, musste er sich nachher entschuldigen.“
„Als Muslim lebtr man nirgends freier als im Westen. Wir müssen lernen, dass religionskritik nicht religionsfeindlich ist.“