558: Odenwaldschule schließen !!

Nachdem wieder ein Lehrer der Odenwaldschule beschuldigt wird, kinderpornografisches Material auf seinem Rechner gespeichert zu haben, beschäftigen sich Norbert Denef und Andreas Huckele in der taz (2.5.14) mit der institutionalisierten sexuellen Gewalt. Beide gehören zum netzwerkB, dem Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt. Denef ist der Vorsitzende. Huckeles Buch „Wie laut soll ich denn noch schreien?“ beschäftigt sich mit dem sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule zu der Zeit, als Huckele selbst dort Schüler war.

Die Autoren schreiben zur neuen Lage: „Das hätte an jeder anderen Schule in Deutschland auch passieren können. Ist es aber nicht. An jeder anderen Schule hätte die Schulleitung ihrer selbst und der Institution wegen den Vorfall der übergeordneten Behörde gemeldet, hätte die Vorkommnisse diskutiert und sich selbstkritisch mit ihnen auseinandergesetzt. Nicht so an der Odenwaldschule.“

Dann beziehen sich Denef und Huckele auf den Band „Reformpädagogik nach der Odenwaldschule – wie weiter?“, der von den Pädagogik-Professoren Jürgen Oelkers und Damian Miller herausgegeben worden ist. Es handelt sich um einen Tagungsband einer Tagung in Kreuzlingen/Schweiz 2012. Darin wird untersucht, inwieweit die Reformpädagogik als solche für die massenhafte sexualisierte Gewalt an der Schule verantwortlich gemacht werden kann. „Das Ergebnis war niederschmetternd für die Odenwaldschule. Die Gurus dieser Ideologie waren Grenzüberschreiter, die Ideologie begünstigt die Grenzüberschreitungen, und die Berichte aus der Praxis bestätigen die Erfahrungen der Grenzüberschreitung.“ Die Linie zieht sich von Gustav Wyneken und Paul Geheeb zu Gerold Becker.

„Das Familienprinzip ist nach wie vor tragendes Element der Internatspädagogik. Eine Einladung für Pädokriminelle. Die Reformpädagogik proklamiert die ‚Nähe zum Kind‘. Näher zum Kind als auf der Odenwaldschule geht nun wirklich nicht mehr. … Die Fortsetzung des Schulbetriebs wäre nicht nur ein Schlag in die Gesichter der aus früheren Zeiten Betroffenen, sondern auch die fortgesetzte Gefährdung der Schülerinnen und Schüler der Gegenwart.“

„Offensichtlich ist der betreffende Lehrer vollständig unter dem Radar der Präventionsarbeit der Odenwaldschule hindurchgeflogen. Man muss Kinder vielleicht nicht unbedingt hassen, um sie auf die Odenwaldschule zu schicken, aber diese Entscheidung lässt sich natürlich viel leichter treffen, wenn sie einem ziemlich egal sind.

Die Odenwaldschule zu schließen wäre nicht nur ein verantwortungsvoller Schritt gegenüber den gegenwärtigen Schülerinnen und Schülern, es wäre auch ein Zeichen an alle Beteiligten, dass in Deutschland zwar vieles möglich ist, aber eben auch nicht alles. Dass es eben doch noch Grenzen gibt dafür, was sich eine pädagogische Einrichtung alles erlauben kann. Vielleicht könnten die Betroffenen, die auf der Odenwaldschule sexualisierte Gewalt erlebt haben, dann endlich aufatmen. Der Fortbestand der Schule bedeutet für sie, dass die Wunden der Vergangenheit immer wieder neu aufgerissen werden. Eine Zumutung. Eine Fortsetzung der Beschädigungen. Eine Tragödie in endlosen Akten. Vielleicht flüchtet sich die Schule wieder in die Einzeltäterlüge. Vielleicht auch in die Lüge, dass alles nicht so schlimm sei. Die Vergewaltigungen von Schülern durch das Personal unter der Dusche sind ja zum Glück in den 1980ern verortet. Vielleicht verspricht die Schule aber auch einfach, dass in Zukunft alles besser werden soll. Ab morgen. So wie der Trinker verspricht, ab morgen mit dem Trinken aufzuhören.“

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